Vive l’Europe! #60 – … es bedarf einer Rassismus-kritischen Bildung

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Evropska unija pripravlja novo petletno strategijo za boj proti rasizmu. Med bolečimi točkami, ki jih je potrebno nasloviti, je po mnenju organizacije Equinet gotovo strukturni rasizem, torej rasizem, ki izvira iz pravnih in političnih sistemov. Druga točka pa je večplastna diskriminacija, torej diskriminacija z več kot enega zornega kota. Adjanie Kamucote je trenerka za preprečevanje diskriminacije, ki se osredotoča na rasizem in presečišča različnih oblik neenakosti. Poseben poudarek nameni večplastni diskriminaciji, s katero se soočajo temnopolte ženske.

Diskriminierungserfahrungen in Form von Rassismus sind vielfältig und betreffen Lebensbereiche wie etwa die Job- und Wohnungssuche, Erfahrungen in der Schule oder am Arbeitsplatz – und nicht zuletzt den öffentlichen Raum. Schwarze Frauen und Women of Colour sind zusätzlicher Diskriminierung, etwa durch sexistische Äußerungen, ausgesetzt.

Einen besonderen Fokus legt die Anti-Diskriminierungs-Trainerin Adjanie Kamucote auf einen sensiblen Umgang im Alltag, vor allem mit Blick auf Mehrfachdiskriminierung, um diese frühzeitig zu erkennen und dementsprechend zu handeln.

Rassismuskritische Bildung – vermittelt in Seminaren, Workshops oder Trainings – versucht zusätzlich, auf diskriminierende Strukturen aufmerksam zu machen. Vorweg die Frage: Was kann man unter einer rassismuskritischen Bildungsarbeit verstehen?

Rassismuskritische Bildungsarbeit ist ein pädagogischer Ansatz, der darauf abzielt, Rassismus als individuelles, gesellschaftliches, aber auch strukturelles Problem oder Phänomen sichtbar zu machen. Sie gibt auch Raum, das Problem sozusagen zu reflektieren und näher hinzuschauen und seine eigenen Haltungen und Handlungen, oder auch die Machtverhältnisse und Privilegien, zu thematisieren. Also ganz anders als jetzt bei der Antirassismusarbeit. Also von der versuchen wir ein wenig wegzugehen, weil da der Begriff, dieses „Anti“ drinsteckt, wo viele damit suggerieren, dass man, wenn man zum Beispiel einen Antirassismus-Workshop besucht hat, dass man dann nicht mehr rassistisch ist, was ja nicht der Fall ist.

Damit ergibt sich die Frage nach der Zielsetzung, …

Das Ziel wäre, wie schon gesagt, dass Menschen zum Thema Rassismus einfach sensibilisiert werden – zu rassistischen Denk- und Handlungsmustern, die wir alle haben. Denn: ein ganz großer Teil davon ist die Selbstreflexion, da viele das von sich wegschieben und sagen: Ich bin ja nicht rassistisch. Und deshalb ist ein großer Teil der rassismussensiblen Arbeit auch die eigenen Privilegien zu erkennen, die eigenen Vorurteile zu reflektieren. Dann ist das Ziel auch Raum zu bieten, um gewisse Situationen zu durchschauen, etwa, wie könnte ich in gewissen Situationen handeln. Und natürlich langfristig wäre es so, dass man so viele Menschen erreicht, um eine gerechtere, inklusivere Gesellschaft aufzubauen, damit einfach sehr viel Empathie und Solidarität da ist für Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

Zur Zielgruppe: Welche Menschen sprechen Sie beispielsweise bei ihren Seminaren oder Workshops an?

Also dadurch, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, ist die Zielgruppe „die Gesellschaft“! In den Workshops und Vorträgen usw. ist es natürlich total unterschiedlich, angefangen tatsächlich von Kleinkindern bis hin zum Erwachsenenalter. Je nachdem wie die Anfragen reinkommen. In Kindergärten hat man natürlich einen ganz anderen Zugang, aber da kann man natürlich auch schon darüber sprechen: Wie kann eine schöne Gemeinschaft ausschauen? Dann in Volksschulen, weiterbildenden Schulen, höheren Schulen, mit Studierenden, aber auch mit allen Personen, die zum Beispiel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, in allen möglichen Kontexten, dann weiterführend auch NGOs, Vereine, Unternehmen usw.

Sie werden in den nächsten Tagen wieder einen Workshop organisieren. Was werden so die zentralen Inhalte dieses Workshops sein?

Da geht es tatsächlich darum, ein Basiswissen zu vermitteln. Es ist eine Gruppe von Personen, die Gleichbehandlungsbeauftragte sind in deren Einrichtung und die brauchen eine Basisschulung. Und mein Part wird einfach sein, Basiswissen zu vermitteln eben zu den Themen Rassismus und Intersektionalität, also Überschneidungen von unterschiedlichen Diskriminierungsformen. Und das schauen wir uns einmal so an und dann schauen wir uns also Machtstrukturen an, wie kann das ausschauen oder wie kann es auch einfach im Alltag sein – weil das ist das, was ganz viele übersehen!

Sie haben jetzt als Stichwort die Alltagssprache angesprochen. Auf Ihrer Homepage ist zu lesen: Viele Handlungen und Aussagen sind bewusst oder unbewusst rassistisch, vor allem auch, was die Alltagssprache betrifft. Könnten Sie uns da vielleicht einige Beispiele oder zusätzliche Erläuterungen in Bezug auf Alltagssprache geben?

Eine ganz klassische Aussage ist: „Oh, du sprichst aber schon gut Deutsch!“ Das sind so stereotypische Zuschreibungen, sage ich jetzt einmal. Wenn man einer Person begegnet, von der man im ersten Moment nicht ausgegangen ist, dass die vielleicht Österreicherin und Österreicher ist und dann total verwundert ist, dass die Person Deutsch sprechen kann, und dann auch noch so gut, dann glaubt man ein Kompliment zu geben oder meint es wirklich ernst und gibt dieses Kompliment. Aber ich nehme da immer mich als Beispiel her. Wenn man mich das erste Mal sieht – schwarze junge Frau – geht man wahrscheinlich auch nicht im ersten Moment davon aus, dass ich Deutsch sprechen kann. Manchmal geht man natürlich nicht davon aus. Und dann sind wir im Gespräch und dann kommt dieses Kompliment, unter Anführungsstrichen. Aber mit dem Alter lernt man dann sozusagen, hat man ein paar Antworten parat, sag ich jetzt einmal und jedes Mal, wenn es mir einfällt, dann sage ich: Danke schön, du auch, oder sie auch! Und das Gegenüber ist dann total perplex und denkt sich, hä? Wieso sagst du das mir jetzt? Ist ja klar, dass sie Deutsch reden kann.

Im heutigen Einleitungstext gibt es auch diese Passage: Schwarze Frauen und Women of Color sind zusätzlichen Diskriminierungen, etwa durch sexistische Äußerungen ausgesetzt, …

… ich nehme wieder ein vermeintlich positives Beispiel her: „Für eine schwarze Frau bist du eh schön, oder bist du aber schön“ Wo dann die Frage ist: Willst du mir jetzt unterm Strich sagen, dass schwarze Frauen sonst nicht schön sind? Das wäre was, das auch beleidigend rüberkommen kann! Oder aber auch so Sachen wie, bei schwarzen Frauen und Women of Color ist es ja ganz oft so, wenn man das in Gruppen denken möchte, sehr exotisiert wird. Das heißt, ihr könnt gut tanzen, ihr könnt euch gut bewegen usw. und dann glaubt man, Personen, die so aussehen, wenn man Personen so kategorisiert, diese Komplimente geben zu müssen, was zusätzlich natürlich noch sehr sexistisch ist.

Welche Wirkungen haben Trainings oder Workshops? Was ist feststellbar, welche Erfolge gibt es, welche Feedbacks bekommen Sie zum Beispiel nach einem Workshop von Teilnehmenden?

Die Wirkung, oder den direkten Erfolg, kann man nicht direkt messen, sage ich jetzt einmal. Aber Feedbacks sind tatsächlich überwiegend sehr positiv. Man muss aber auch dazu sagen, dass oft die Personen, die in diesen Workshops und Trainings sitzen, meistens diejenigen sind, die wirklich tatsächlich Interesse für das Thema und die Intention haben. Sie möchten was besser machen, sie möchten einen Austausch, sie möchten einen Perspektivenwechsel und deshalb kommen überwiegend positive Rückmeldungen. Es sind aber auch vereinzelt Personen, die das natürlich nicht so nehmen, sage ich jetzt einmal. Und wo man auch gegen die Wand spricht.

Sie sind Co- Autorin des Buches: „War das jetzt rassistisch? 22 Antirassismus Tipps für den Alltag.“ Könnten wir einige Erläuterungen zum Buch hören?

Ich durfte eben bei diesem Projekt, bei diesem Buchprojekt, sehr intensiv mitarbeiten und habe auch zwei Kapitel verfasst. Es ist im September 2022 erschienen und bekam sehr positive Rückmeldungen, weil es das erste Buch in Österreich zu diesem Thema ist, denn ganz viele sind tatsächlich aus Deutschland oder einfach übersetzt aus dem Englischen. Und aus dem österreichisch-deutschsprachigen Raum ist es tatsächlich das erste Buch zu diesem Thema. Und was ich immer wieder sage bei dem Buch: Es ist mit einem leichten Sarkasmus geschrieben, sage ich jetzt einmal, weil die Leute, denke ich, das viel besser annehmen können. Wir haben wirklich versucht, nicht mit dem Finger sozusagen zu zeigen, sondern einfach Alltagssituationen her zu nehmen, wie zum Beispiel das Vorhaben mit „Du sprichst so gut Deutsch“, oder „woher kommst du wirklich?“ oder “ihr müsst immer so sensibel sein“. Also wir haben so Alltagssituationen hergenommen und haben es versucht, mit guten Beispielen einfach noch einmal klarzustellen. Zwischendurch fühlt man sich ertappt und denkt sich – ich war schon einmal in so einer Situation – und war eine Person, die rassistisch gehandelt hat.

Und das erste Kapitel schreibt die Kollegin Mireille Ngosso und sie schreibt es so gut und sagt: Man kann das Buch auch einmal für eine Woche, einen Monat weglegen, wenn man sich getriggert fühlt oder mal in die Ecke schmeißen. Denn, das löst natürlich was mit einem aus, weil man sich davor nie mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und dann kommen so banale Beispiele eben wie zum Beispiel: Boah, du sprichst schon gut Deutsch und ja, mein Leben lang dieses Kompliment gegeben, ohne irgendwie böse Absicht dahinter. Und dann lese ich dieses Buch und da steht das drinnen, das es eigentlich rassistisch ist, dann macht das was mit einem. Genau. Und das wird einfach in dem Buch gut erklärt, würde ich sagen.

„Kann ich Ihre Haare angreifen?“ ist so ein Alltagserlebniss, oder, …

… genau, da hat meine Kollegin, die Chantal Bamgbala zu dem Kapitel geschrieben. Also die Einleitung ist total gut, also finde ich voll gut gemacht, wie sie einfach schreibt, dass sie da in der Supermarktschlange steht und hinter ihr spürt sie schon sozusagen „die Hand“ mit der Frage: darf ich deine Haare anfassen? Und während die Person die Frage stellt, ist sie mit den Händen eh schon in den Haaren drinnen und grinst und äußert dann so Sachen wie: das fühlt sich an wie Wolle, das fühlt sich an wie weiß ich nicht was. Also natürlich mag man das nicht, wenn man einfach so angefasst wird und reagiert dann vielleicht auch dementsprechend. Sagt, hey, das war jetzt nicht cool, das möchte ich nicht und man wird dann aber ganz schnell abgestempelt, weil, wieso möchtest du das nicht. Oder, ich wollte dir nichts Böses, ich bin ja nur interessiert an dir und deinem Haar…

Diese heutige Sendung steht auch im Kontext der „EU-Anti-Rassismus Strategie 2026 bis 2030“, die in den nächsten Tagen von der Kommission veröffentlicht und dann auch politisch diskutiert wird. Gibt es eine Botschaft, eine zentrale Forderung, wo Sie sagen, das wäre mir besonders wichtig?

Ja, also ganz grob würde ich sagen, es hat den Aktionsplan gegeben von Black Voices[1], wo ganz viele Forderungen dringestanden sind. In Wien haben sie es teilweise auch umsetzen können, letztes Jahr – einfach nur ein Hinweis dazu! Und jetzt für meine Arbeit speziell würde ich tatsächlich sagen, so ganz zentral wäre mir und meinen Kolleginnen total wichtig, eine verpflichtende Verankerung von Rassismus-kritischer Bildungsarbeit in der Schule. Also dass das einfach mit einem Fach ist oder Teil des Lehrplans tatsächlich ist. Nicht nur des Lehrplans in Schulen, aber natürlich auch von Lehrenden. Also wir merken immer wieder, dass Schülerinnen schon ziemlich weit sind, aber die Lehrpersonen selbst noch sehr viele Ängste haben, zu gewissen Berührungspunkten oder vielleicht auch von sich selbst ausgehen, dass sie alles richtig machen, sage ich jetzt einmal. Und das finde ich sehr kritisch. Im Raum Schule, das heißt, dass es da einfach verpflichtende Workshops, Seminare, Vorlesungen usw. gibt zu diesen Themen, bei Personen, die eine Ausbildung machen und dann in weiterer Folge mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und dazu passend natürlich das größte Ding sind ausreichende finanzielle Mittel.

Einige Punkte dieses bereits erwähnten Volksbegehrens wurden mittlerweile in Wien umgesetzt. Das betrifft Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, den Arbeitsmarkt und den schulischen Kontext. Gibt es eine abschließende Botschaft, die Sie an die Hörer und Hörerinnen richten möchten?

Wir sind alle hier auf dieser Welt, um zu lernen und lernen unser Leben lang. Und auch in dem Bereich dürfen wir alle lernen. Deshalb ist mir und meinen Kolleginnen wichtig, wenn ich das so sagen darf, dass alle bereit sind zu lernen und versuchen, das auch umzusetzen. Genau. Aber man darf auch Fehler machen.

Izobraževanje s kritičnim pristopom do rasizma rasizem razume ne le kot individualni, ampak tudi družbeni in tudi strukturni problem, pojasni Adjanie Kamucote, trenerka za preprečevanje diskriminacije. Poudari pomen samoizpraševanja, saj imamo vsi rasistične miselne in vedenjske vzorce, in ni dovolj, če le izjavimo: »Jaz pa nisem rasist.« 

Kot primer vsakdanjega rasizma Kamucote navede izjavo: »O, ti pa že zelo dobro govoriš nemško«, ki je pogosto mišljena kot kompliment, a v resnici temelji na stereotipnih predpostavkah, saj domneva slabše znanje jezika na primer na podlagi drugačne barve kože. Posebej izpostavi izkušnje temnopoltih žensk, ki so poleg rasizma pogosto deležne tudi seksizma, na primer: »Za temnopolto žensko si pa res lepa.« Takšni primeri kažejo, kako se rasizem in spolna diskriminacija prepletata v vsakdanjih situacijah.

Sogovornica poudarja, da so delavnice in usposabljanja pomemben prostor za učenje in spremembo perspektive, čeprav njihov učinek ni vedno neposredno merljiv. V kontekstu prihajajoče strategije EU proti rasizmu izpostavi ključno zahtevo: obvezno vključitev rasistično-kritične izobrazbe v šole, tako za učence kot za učitelje. Vsi smo tukaj zato, da se učimo – tudi na tem področju. In pri tem je dovoljeno delati napake, spodbudno zaključi Adjanie Kamucote.

 

[1 ]»Das „Black Voices Volksbegehren“ (September 2022) war eine antirassistische Initiative in Österreich mit dem Zweck die institutionelle, repräsentative, gesundheitliche, bildungspolitische, arbeitsrelevante und sozioökonomische Stellung für Schwarze Menschen, Menschen afrikanischer Herkunft und People of Colour mit bundesverfassungsrechtlichen Maßnahmen zu verbessern und zu stärken.

Kurzbiografie:

Ndona-Adjanie Kamucote MA ist Sozialarbeiterin und -pädagogin, Dipl. Mentaltrainerin, Antidiskriminierungs-Trainerin und Dipl. Sprachförderpädagogin i.A.. „Gemeinsam mit Kolleg*innen veranstaltet sie unter anderem Anti-Diskriminierung Seminare, Trainings und /oder Workshops. Das Buch «War das jetzt rassistisch?» erschien im September 2022 im Leykam Buchverlag.

Weiterführende Informationen des Verein „DISRUPT“ unter: https://www.disruptverein.at/projekte

Homepage von Adjanie Kamucote: https://adjaniekamucote.at/ und https://thecakeescape.com/awareness

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