Corps de Logis
Das Corps de Logis der Neuen Burg entstand Ende des 19. Jahrhunderts als geplanter Wohntrakt der kaiserlichen Familie mit Planung 1881 und Baubeginn 1885. Architekten wie Gottfried Semper und Karl von Hasenauer führten das Projekt, während Karl Böhm als Militärarzt und Gesundheitstechniker das haustechnische Ventilationssystem entwickelte. Böhm verband empirisches Wissen mit Ingenieurskenntnissen und orientierte sich am Meißnerschen Luftheizungssystem, das Luft wie eine Flüssigkeit behandelte und durch Mantelöfen sowie beheizte Kamine Unterdruck erzeugte, um Frischluft nachströmen zu lassen. Ursprünglich aus militärmedizinischen Erkenntnissen des Josefinums abgeleitet, diente es der Bekämpfung miasmatischer Ausdünstungen durch gezielten Luftwechsel. Im Corps de Logis wurde dieses Konzept mit Luftbrunnen im zweiten Kellergeschoss umgesetzt, die als Labyrinth mit kreisförmigen Kammern und Lungen-ähnlicher Strömungsführung wirkten, ergänzt durch Zuluft- und Abluftschächte, die einen Kamineffekt nutzten und zwei Einströmöffnungen für Ost- und Westwinde berücksichtigten, um den Venturi-Effekt zu kontrollieren.
Alfons Huber, 1983 als Restaurator in die Sammlung gekommen, erkannte die klimatischen Schattenseiten der späteren Zentralheizung erst durch ein einschneidendes Erlebnis am 7. Jänner 1985 bei minus 15 Grad, als Thermohygrographen zunächst 35 Prozent relative Luftfeuchtigkeit anzeigten, tatsächlich aber nur 17 Prozent in der Sammlung und 9 Prozent im Gebäude. Dies führte zu Knacksen in den Instrumenten, Kopfrissen an Elfenbeinflöten und einer beschleunigten künstlichen Alterung durch oszillierende Luftbefeuchter, die Kompressionsschwund auslösten. Die unkontrollierte Ventilation mit 28 Kilowatt Lufterhitzern und 50 000 Kubikmetern Abluft pro Stunde verstärkte die Austrocknung. Als Konsequenz initiierte Huber Pufferzonen als Klimaschleusen, erkannte Air Conditioning und Luftheizung als Sackgassen und entdeckte in alten Akten die ursprüngliche Luftbrunnenanlage, die ein stabiles Klima ermöglichte. Der Vergleich mit natürlich schwankenden Bibliotheken wie Stift St. Peter bestätigte, dass langsame saisonale Veränderungen organischen Materialien besser dienen als künstliche Klimakammern.
Quellen:
Frederic Boody, Henning Großeschmidt, Wolfgang Kippes, Michael Kotterer (Hrsg.), Klima in Museen und historischen Gebäuden. Die Temperierung. EU-1383
Nähere [Informationen zur Temperierung](https://www.idam.at/bauphysik/bauteilheizung/).
PREVENT, Wissenschaftliche Reihe Schloss Schönbrunn,Wien 2004.
Alfons Huber, „Fenster im Kunsthistorischen Museum“. In: Technologische Studien des Kunsthistorischen Museums, Wien 2007, S. 154-189
Alfons Huber, „Kontrollierter Luftwechsel – der Schlüssel für ein nachhaltiges Klimamanagement“, in: Technologische Studien des Kunsthistorischen Museums Bd. 6, Wien 2009, S. 10-45
Alfons Huber, Ökosystem Museum, Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Naturwissenschaften an der Akademie der bildenden KünsteWien, 2011
Alfons Huber, „Warme Wände“ oder „warme Luft“? Systemimmanente Tendenzen im Raumklimaverhalten bei unterschiedlichen Heizsystemen in Abhängigkeit vom Nutzerverhalten – ein Praxisvergleich.“ In: Die Temperierung. Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Nr. 8, München 2014, S. 61-74
Alfons Huber (mit Jochen Käferhaus und Roland Frey), Thermische Sanierung im Altbau-Bestand – Annäherung an eine objektive Evaluierung. S. 1-33, Wien 2014











