Feminismus anno 2026:
Enttäuschung und Wende hin zum neuen Mann!
Nach meinem letzten Beitrag zur endlich erreichten Rechtssicherheit für den Gender Pay Gap, am Wochenende um den „Internationalen Frauentag“ haben sich sehr durchwachsene feministische Bilanzen gehäuft, und pessimistische Ausblicke. Also Zeit für eine etwas andere Bilanz, hier entlang der Aufarbeitung der Enttäuschungen im „profil“ 10/26. (Die Zeitschrift muss man nicht kennen; die Argumente sind sehr folgerichtig, wenn es darauf ankommt, 30 Jahre lang nichts gelernt zu haben.)
Bilanz: „Selbstverwirklichung“? –„Erschöpfung“!
„Wir hatten ziemlichen Spundus … um Alice Schwarzer, die schlagkräftigste, wortgewaltigste und bekannteste Feministin Deutschlands für profil zu interviewen. Ich hatte damals ein Kind im Vorschulalter, war relativ frisch bei diesem Magazin und schon länger alleinerziehend. Das Adrenalin schlug also ständig Blasen, denn entweder war man zu spät bei der Kindergarten-Aufführung … oder man überzog seine Deadlines und bekam von der Chefin vom Dienst in einem Tonfall aus Enttäuschung und Angepisstheit die Ansage: ‘Wie sieht Ihr Zeithorizont in etwa aus?’ Also stellte ich Frau Schwarzer … die einfache Frage: ‘Wie genau haben Sie sich das eigentlich alles mit dieser Selbstverwirklichung vorgestellt? Ich bin nämlich ständig müde.’ Sie lachte und sagte einen Satz, an den ich bis heute oft denke: ‘Mädels, kein Mann gibt Privilegien freiwillig ab, ihr müsst einfach viel mehr einfordern.’ Und nach einer Pause schoss sie in ihrer beeindruckenden Eloquenz ein Kurzreferat hinterher: ‘Es ist eine bittere Ironie der Frauenbewegung, dass wir es mit einer vollends erschöpften Generation zu tun haben. Während wir damit beschäftigt waren, nach der Welt zu greifen, haben die Männer nicht die Hälfte des Hauses übernommen. Man schafft 5000 Jahre Patriarchat nicht in 30 Jahren ab. Darüber haben sich die jüngeren Frauen Illusionen gemacht, und jetzt sitzen sie wieder in der Falle.’ Das ist jetzt 30 Jahre her, und tatsächlich beschleicht mich jährlich anlässlich des Weltfrauentags das Gefühl, dass sich seither nicht wahnsinnig viel geändert hat. Noch immer kreisen wir im gleichen Themenkarussell: Teilzeitfalle, unflexible bis unerschwingliche Kinderbetreuungsangebote, zögerliche Väterkarenz, die Verbesserung des Gender Pay Gaps im Nacktschneckentempo. Unbezahlte Care-Arbeit bei Kindern und Altenpflege für Frauen, Altersarmut und die Tatsache, dass Hausfrauen ohne eigene Erbschaft nach einer Scheidung, so die Familienrechtsanwältin Helene Klaar, noch immer ‘ins sichere Verderben fallen’. Ab Juni mögen die Korken dann knallen, denn dann tritt EU-weit das Lohntransparenzgesetz in Kraft.“ (Hager, profil 10/2026)
Um mit dem letzten Satz zu beginnen: Die Autorin ist natürlich abgeklärt, sie glaubt nicht, dass die EU-Transparenzrichtlinie viel bringt, will sich diese Illusion nicht machen, kann sich aber auch nicht zu einem brauchbaren Befund über das Zeug aufraffen. Wenn es nichts bringt, was soll das Getue dann?!
Von Anfang an: Frau hat es sicher schon länger als 30 Jahre, ebenso sicher nicht schon seit 5000 Jahren, mit zwei sehr sinnreichen Einrichtungen zu tun, die im erwähnten „Themenkarussell“ rotieren: Mit der Lohnarbeit, und mit der Familie. Der obigen Schilderung kann man, durchaus geschlechtsneutral, immerhin entnehmen, dass moderne Berufe mit ziemlichem Leistungs- und Termindruck ausgestattet sind, ausgeübt von den zuständigen VorgesetztInnnen, und das sicher nicht nur im Journalismus. Weiter wird deutlich, dass das sog. Privat- oder Familienleben, ob als Ehe oder als ähnliche „Beziehung“ organisiert, einen Zweitberuf darstellt, jedenfalls auch ziemlich anstrengend ist. Aus feministischer Sicht handelt es sich bei Lohnarbeit und Familie allerdings offenbar um ziemlich periphere Phänomene, indem Frau es in erster Instanz mit „den Männern“ zu tun kriegt. Die etwas rigide damalige Schuldzuweisung von Frau Schwarzer – selber schuld, jüngere Frauen machen sich Illusionen und sitzen wieder in der Falle – frappiert insofern, als die beeindruckend eloquente Folgerung sicher kein Beitrag zur Desillusionierung ist: „Mädels, kein Mann gibt Privilegien freiwillig ab, ihr müsst einfach viel mehr einfordern.“ Nach mittlerweile 30 Jahren der Befolgung dieses guten Ratschlags stellt sich nun laut Bilanz der Berichterstatterin das erwähnte Gefühl von „nicht-wahnsinnig-viel-geändert“ ein, indem das mit dem „Mädels-einfach-mehr-fordern!“ nicht so recht geklappt hat. Das kann kein Zufall sein und ist auch keiner, denn kein Mensch und kein Mann und keine Institution gibt etwas her oder ändert gültige Maximen, bloß weil jemand anderer etwas „fordert“ – es sei denn, diese „Forderungen“ passen halbwegs in eine jeweilige, schon fertig vorhandene eigene Agenda. Es ist absehbar, dass die etwas einfallslose Durchhalteparole weiter-so-nur-lauter – „Es ist dringend notwendig, dass der Feminismus viel mehr Krach macht.“ (ebd.) – zum selben Ergebnis führt. Damit das nicht wieder nach spätestens 30 Jahren im Frust endet, kommen nun einige Hinweise; vorher eine kleine persönliche Erinnerung desselben Gehalts:
Im vorigen Jahrhundert haben Frauen mal gegen die „Doppelbelastung“ von Beruf und Familie protestiert; protestiert im Sinn von: „Das wollen wir nicht!“ Kurz darauf muss wohl – vom Resultat her gesehen – eine fantastisch funktionierende, kapitalistisch-feministisch inspirierte Gehirnwäsche eingesetzt haben, nämlich der „Griff nach der Welt“ a la Schwarzer, Motto: „Frauen wollen alles, und sofort! Kinder, Küche, Kirche, Karriere, Kapitalismus …“, und vermutlich auch „Koitus“, die moderne Frau ist ja nicht nur eine Arbeitsbiene, wenn man extra „Frauenzeitschriften“, die es noch immer gibt, glauben kann. – Das naheliegende Ergebnis: Frauen haben „alles und sofort“, und sind dementsprechend erschöpft.
Frauen wollen alles und sofort!
Frau Schwarzer hat damals, auf ihre Weise unabsichtlich wie genial, den Fehler zusammengefasst:
„Während wir damit beschäftigt waren, nach der Welt zu greifen, haben die Männer nicht die Hälfte des Hauses übernommen.“
Dachte immer, die Kritik bestünde darin, dass „die Männer“ „das Haus“ nicht herausrücken, aber bitte. Da ist halt unterstellt, „die Welt“ wäre – im Prinzip zumindest – schwer in Ordnung, oder dass die einzelnen Bestandteile der besagten „Welt“ nicht so wichtig wären, weil es für Frau nur noch darauf ankommt, sich ihrer zu bemächtigen, so richtig zuzugreifen; und wenn sich Frau endlich gleichberechtigt an der „Welt“ bedienen darf, dann ist die Welt der „Selbstverwirklichung“ bald noch mehr in Ordnung als vorher. Für den absehbaren Fall, dass die Welt nach dem weiblichen Zugriff nicht in Ordnung ist und auch nicht in Ordnung kommt, hat Frau Schwarzer neben den von ihr sollizitierten „Illusionen“ junger Frauen noch ein schuldiges Kollektiv anzubieten – „die Männer“. Ein Leitgedanke, die sich dann durch die Klagen ihrer Followerinnen zieht: Unterstellt ist, die genannten Einrichtungen – nochmal: Lohnarbeit und Familie –, die seien, im Prinzip zumindest, für die Bedürfnisse von Frauen völlig tauglich, würden sie nicht durch gewissermaßen diesen Einrichtungen äußerliche, externe, „männliche“ Effekte – „Privilegien“ halt – beeinträchtigt.
Die als „Illusion“ apostrophierte Haltung, Frauen müssten doch bloß mehr fordern, beruht auf einer mächtigen Lebenslüge bzw. Täuschung. Auf der Unterstellung nämlich, die nur als Benachteiligung wahrgenommenen Resultate der Beteiligung von Frau an Kapitalismus und Familie, die seien eben, wie die Bezeichnung ausdrückt, eine Ansammlung von Ungerechtigkeiten, und daher mit den Prinzipien der modernen demokratischen Gesellschaft unvereinbar. So dass Forderungen von Frauen mächtige, gesellschaftspolitisch anerkannte Leitlinien auf ihrer Seite hätten, mindestens Gleichheit und Gleichberechtigung, womit jedes weibliche Fordern im Grunde genommen dann doch eine sehr leichte Übung sein müsste, eigentlich, weil es darin bestünde, im Grunde genommen schon offene Türen nur noch einzurennen. Indem diese Forderungen längst Teil der politischen Agenda seien, zumindest in den Demokratien. Dieser Vorstellung liegen falsche Auffassungen von Gleichheit und Gleichberechtigung zugrunde, und es ist in gewisser Weise erstaunlich, wie resistent gegen alle schlechten Erfahrungen daran festgehalten wird.
Ein aktuelles Beispiel: Als vor einigen Jahrzehnten der Gender Pay Gap entdeckt wurde, war die Diskussion von einem ziemlich überbordenden Optimismus getragen: Nun sei eine gewaltige Ungerechtigkeit aufgeflogen; und mit der unabweisbaren Aufdeckung dieses Skandals sei die Überwindung schon so gut wie geschafft oder zumindest auf Schiene. Der Duktus der damaligen Berichterstattung ließ vermuten, eine satte Lohnerhöhung für „die Frauen“ stünde kurz bevor, und obendrein eine Nachzahlung für jahrelang vorenthaltenen Lohn. Dazu ist es nie gekommen. Statt dessen hat sich von Jahr zu Jahr um den Gender Pay Day herum die Berichterstattung gedreht, es wurde immer weniger Skandalisierung betrieben und dafür ausführlicher die Gründe für die sehr sachgerechten Unterschiede dargestellt, nämlich die – durchschnittlich! – etwas andere weibliche „Erwerbsbiographie“, wg. Mutterschutz, Karenz, Teilzeit. Einerseits. Andererseits hat sich die – billige? – Idee von Unterschied gleich ungerecht, von Differenz gleich diskriminiert, natürlich gehalten und eine umfangreiche Forschungstätigkeit befruchtet, wie die Herausarbeitung eines „unerklärlichen“ Teils der durchschnittlichen Lohndifferenz zwecks „Bereinigung“, und als letzten Schrei die Einführung einer „Transparenzrichtlinie“ – vor diesbezüglichen falschen Hoffnungen warnen Experten schon im Vorfeld. Wenigstens diesmal: Keine Illlusionen! (Vgl. dazu: Rechtssicherheit für die „Lohnlücke“: https://cba.media/761903)
Gefangen im „Themenkarussell“: Lohnarbeit und Familie
In der einen der genannten Sphären, der Lohnarbeit, herrscht ein Prinzip, das Verwechslungen mit einem Reich der „Selbstverwirklichung“ im Grunde genommen ausschließt. Der Nutzeffekt des Unternehmers oder der Firma, jedenfalls der Stelle, die den Lohn zahlt, ist umso größer, je weniger Lohn gezahlt werden muss. So schaut es aus, das ist allgemein bekannt, und die Folgen sind sprichwörtlich: Mit Arbeit „bringt man es zu nichts“; dass man mit Arbeit keinen Reichtum anhäufen kann, gehört zum marktwirtschaftlichen Erfahrungsschatz. Zumindest nicht mit der eigenen Arbeit eigenen Reichtum. Der sichere Weg zum Reichtum ist die Erbschaft oder die Heirat, ev. nach einer Karriere als Luxusnutte, wie eine andere Autorin (Hammerl, profil 10/26) sarkastisch vorstellig macht. Und weil die Sphäre der Lohnarbeit eine Konkurrenzveranstaltung ist, in der die abhängig Beschäftigten einem ständigen Vergleich der Anwender ihrer Arbeitskraft ausgesetzt sind, kann man deren Umspringen mit den Belegschaften sicherlich als eine chaotische Abfolge von Bevorzugungen bzw. Benachteiligungen interpretieren, eben das Ausnutzen von Unterschieden der hoffnungsvollen Aspiranten in Sachen Brauchbarkeit und Willfährigkeit im Interesse der Unternehmen – aber keine dieser unangenehmen Machenschaften wurde erfunden, um speziell Frauen zu schikanieren; innerhalb einer „Arbeitswelt“, die doch sonst völlig in Ordnung ist oder wenigstens sein könnte. Wenn die Beschäftigten und Verglichenen das durch ihre Konkurrenzgeierei ergänzen, bis hin zum „Mobbing“, dann machen sie sich eigen-initiativ einen bescheuerten Reim auf diese Umstände. (Ausführlichere Erklärungen zum Thema „Arbeit und Reichtum“ stehen zur Verfügung:
https://de.gegenstandpunkt.com/publikationen/buecher/arbeit-reichtum)
Die andere Sphäre, die Familie, besteht im staatlich organisierten und orchestrierten Ausnutzen der Liebe, aus der die Beteiligten quasi-sozialstaatliche Funktionen füreinander übernehmen. Ob sie sich das so überlegt und bezweckt haben, spielt keine große Rolle. Auch diese Variante der Benutzung – Familie ist eine Form von Staatsdienst, in der „Keimzelle des Staates“ – bekommt den Beteiligten ziemlich sicher nicht gut. Vor allem bringt sie die Beteiligten nicht selten und sehr systematisch gegeneinander auf, über der Frage, wer denn nun welche Pflichten übernehmen und welche Leistungen bringen soll, wenn sich beide darin einig sind, „füreinander da sein“ zu wollen. Am Kinderkriegen – die „Wurfquote“ wird als „Kinder pro Frau“ gemessen – besteht bekanntlich ständiges staatliches Interesse, aber die Kosten und Mühen und Anstrengungen sind Privatsache, so ist das hierzulande organisiert. Damit müssen die glücklichen Eltern umgehen, und weil ein normales Einkommen dafür nicht reicht, gibt es diverse Kinder-Subventionen, als Anreize, ohne den Eltern die Lasten wirklich abnehmen zu wollen, denn da wäre ja der Nutzen der Familie für den Staat dahin. Vergegenwärtigen wir uns doch die aktuellen Diskussionsbeiträge der amtierenden österreichischen Familienministerin: Sie will sich, wie alle ihre Vorgängerinnen, so richtig um die „Vereinbarkeit“ von Berufstätigkeit (der Mutter) und Familie bemühen, was unterstellt, besagte Vereinbarkeit ist nicht gegeben. Weil das so bleibt, muss sie natürlich auch den „Mut“ zum Kind würdigen, also das Heldentum unterstreichen, das Eltern an den Tag legen, müssen. Zwecks Mut-Förderung offeriert sie geistige Führung und ruft zum Einsparen auf, zum Einsparen beim Überlegen, weil Nachdenken über Mutterschaft offenbar ein vorzügliches Verhütungsmittel ist. Eine schöne Botschaft: Mehr dumpfbackiges „Mindset“ bitte, für den Beitrag zur Österreicherzucht. Die lieben Kleinen sind bekanntlich ohnehin der schönste Lohn für die Plagen der Sorgepflichtigen …
Dazu auch: Der Mann im Kapitalismus: https://99zueins.de/der-mann-im-kapitalismus/
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Was nun? Weitermachen wie bisher!
Frauen lassen sich nicht unterkriegen. Weitermachen ist angesagt, denn „es ist dringend notwendig, dass der Feminismus viel mehr Krach macht“ – die Frage, wer sich warum und wie von „Krach“ beeindrucken lassen sollte, bleibt seit 30 Jahren unbeantwortet. Aber nicht nur weitermachen, dazu kommt eine Selbstkritik, die den liebgewonnenen Fehler der Bewegung weitertreibt:
Und: Den Sündenbock ins Boot holen!
Auf das sinistre Kollektiv „die Männer“ – das waren neulich noch die mit den „Privilegien“ – kommt es schließlich schwer an: „Wahrscheinlich wäre es viel klüger, wenn wir verstärkt die Männer ins Feminismus-Boot holen.“ (ebd.)
Und: Im Boot mit Care-Arbeit verwöhnen!
„Wir müssen wieder lernen, mit den Männern zu reden. Ich kenne so viele, die einfach nicht wissen, wie Männlichkeit zu sein hat, wo sie noch salonfähig ist beziehungsweise bekämpfenswert wird. In der Definition ihres Rollenverständnisses dürfen wir sie nicht allein lassen.“ (Hager zitiert Erica Jong) „Wir dürfen die Männer nicht ausgrenzen. Der Feminismus braucht auch die Männer, die sich für den Feminismus einsetzen. Denn auch den Männern schadet das Patriarchat. Die gehören wachgerüttelt.“ (Reinsperger, profil 10/2026)
Damit der männliche Stolz reüssiert!
„Wenn wir wollen, dass die Gleichberechtigung weiterkommt, muss sich der Feminismus auch stärker damit beschäftigen, wie moderne Männlichkeit aussehen kann. … Denn eine Gesellschaft, in der Frauen sich ständig verteidigen müssen und Männer nicht mehr wissen, worauf sie stolz sein dürfen, wird auf Dauer für niemanden angenehm.“ (Thalhammer, ebd.)
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Kulturkampf mit neuem Männerbild!
Die Autorinnen bemerken durchaus, dass momentan ein heftiger Kulturkampf für den Backlash tobt. Aber die Wahrnehmung ist wegen des Blicks durch die Mann-Frau-Brille leicht verzerrt:
„In Österreich führt eine Partei in den Umfragen, deren Wortführer in einer Videobotschaft ein Frauenbild zwischen Steinzeitkeule und Mutterkreuz skizzierte. Herbert Kickl ließ die Stützen des Patriarchats wissen: ‘Ihr managt den Haushalt, ihr besorgt die Einkäufe, ihr organisiert die täglichen Mahlzeiten, ihr übernehmt die Kinderbetreuung und Erziehung. Ihr lieben Frauen seid es, die den Männern zu Hause den Rücken freihalten.’ ‘Family first’ ist die Prämisse der Blauen, und diese Familie muss natürlich heterosexuell, weiß und möglichst kinderreich sein, um gegen den großen ‘Bevölkerungsaustausch’ präventiv eine Feuermauer zu errichten: ‘Für eine starke Zukunft unserer Heimat braucht es wieder mehr Mut zur Familie mit Kindern’, heißt es auf der Website der steirischen FPÖ, ‘Schluss mit dem Opfern traditioneller Werte auf dem Altar linker Gesellschaftsutopien’. Giorgia Meloni in Italien turnt die LGBTQ-Feindlichkeit schon drastisch vor. Tatsächlich grausame Zeitreisen.“ (Hager, ebd.)
Es ist schon eine Form der Ignoranz, des sich-nicht-befassen-wollens, wenn die Familie mit „Steinzeit“ und „Mutterkreuz“ abgetan, und ein sehr aktueller Kulturkampf mit einer „Zeitreise“ in die Vergangenheit verwechselt wird. Es ist eine Verharmlosung, einen politischen Standpunkt bloß als antiquiertes „Frauenbild“ zu fassen, und zu glauben, mit einem wünschenswerten Männerbild kontern zu können:
„Das Problem ist nur: Während es heute relativ leicht erscheint, Frauen zu empowern – ihnen Mut zu machen, Räume einzunehmen und Netzwerke zu bilden – ist es schwieriger geworden, jungen Männern eine positive Rolle anzubieten. Wo sind heute die Vorbilder, an denen man sich als junger Mann orientieren kann, ohne in alte Machomuster zurückzufallen? Was bedeutet Stärke, wenn Dominanz nicht mehr das Ziel sein soll? Wo zeigt sich Selbstbewusstsein, wenn ‘der starke Mann’ plötzlich als Problem gilt? … Wenn wir wollen, dass die Gleichberechtigung weiterkommt, muss sich der Feminismus auch stärker damit beschäftigen, wie moderne Männlichkeit aussehen kann. Nicht als Rückschritt, sondern als Fortschritt. Männer, die Verantwortung übernehmen, ohne Dominanz zu brauchen. Männer, die sichtbar sind, ohne andere klein zu machen. Denn eine Gesellschaft, in der Frauen sich ständig verteidigen müssen und Männer nicht mehr wissen, worauf sie stolz sein dürfen, wird auf Dauer für niemanden angenehm. Anders gesagt: Gleichberechtigung funktioniert am besten, wenn beide Geschlechter mitmachen. Und nicht nur eines laut genug schreit.“ (Thalhammer, ebd.)
Vor allem ist es absurd, den „jungen Männern“ ebenso wie etwaigen älteren die eigenen, die feministischen Wünsche als deren – eigentliche, ursprüngliche, „wahre“ – Bedürfnisse unterzujubeln und denen dann auf Basis dieser Unterstellung mit passenden Vorbildern und Rollen aushelfen zu wollen, denn: „Auch Männer brauchen Feminismus“. Wenn Frau gerade merkt, die „alten Machomuster“ sind en vogue, und merkt, „Stärke, Dominanz“ ist nach wie vor „Ziel“, wenn der „starke Mann“ gerade nicht als „Problem“ gilt und die gewünschte „Gleichberechtigung“ eben nicht „weiterkommen“ und „funktionieren“ soll – das ist ja wohl die Ausgangslage, wenn dem nicht so wäre, gäbe es die Debatte nicht – dann ist es bodenlos, eine unerwünschte politische Orientierung ausgerechnet als Orientierungslosigkeit zu fassen, indem die „jungen Männer“ so gern wüssten, wie sie besser ins feministische Weltbild passen, aber niemand hat es ihnen rechtzeitig gesagt …
Vgl. auch: Kulturkampf für den Backlash – Meloni: https://cba.media/625536:
Kulturkampf für den Backlash – FPÖ: https://cba.media/624562
Nachtrag
Warum lassen sich junge Frauen eine Familiengründung überhaupt einleuchten, gezwungen werden sie ja nicht – im Wissen darum, dadurch ihre finanziellen Parameter sehr wahrscheinlich drastisch zu verschlechtern? Die Doppelbelastung hat offenbar charakteristischen Folgen für das Mindset“; und das kommt garantiert nicht aus einem rückwärtsgewandten Frauenbild. „profil“ schon vor immerhin 15 Jahren:
„Wenn die Maturantin Tina M. von der Zukunft träumt, wirkt das, als ob sie einem feministischen Schwarzbuch entsprungen wäre. Vier süße Kinder, abends kommt der Ehemann nach einem erfüllten Arbeitstag nach Hause, es wird frisch Gekochtes gemeinsam gegessen, wobei Berufsstress und Doppelbelastung in Tinas Weltbild definitiv nicht auf dem Menüplan stehen. Doch, doch, sie möchte nach dem Schulabschluss schon studieren, vielleicht sogar kurz arbeiten gehen, aber, wenn alles gut läuft, sich in ihrer Lebensvision nicht durch Dinge wie Selbstverwirklichung und Karriere unnötig irritieren lassen.“ (profil 47/2011)
Damals gab es noch nicht mal Tradwives, Manipulation durch social media scheidet aus. Tina möchte sich nicht durch „Selbstverwirklichung“ und „Karriere“ irritieren lassen? Sie hat doch ihre Vorstellung von „Selbstverwirklichung“ geschildert! Sie ist halt nicht der Meinung, der Zwang zum Geldverdienen sei ihr Ding. Das schildert in ähnlichem Zusammenhang eine Gewerkschafterin: „Zu denken gibt der Spitzengewerkschafterin, dass so viele Mädchen im jüngsten Jugendmonitor des Familienministeriums gesagt haben, sie wollen zurück an den Herd und reich heiraten. ‘Vielleicht … vermitteln wir unseren Kindern zu viel den Stress und zu wenig den Spaß an der Arbeit.’“ (Kurier 4.1.14) Die Gehirnwäsche hat versagt: Arbeit macht Spaß, Mädels!
„Maturantin“ soll andeuten, das Mädchen ist keine Dödeline, die außer einer Karriere als Mutter keine Perspektive hat; aus der könnte was werden. Und dann will sie bloß Mutter werden – von vier Kindern, übermäßig bequem und stressfrei legt „Tina“ es nicht an! Die gefragten jungen Frauen und Mädchen gehören einer Generation an, der von ihren Müttern vorgeführt wurde, was es heißt, „Karriere und Kinder“ zu verbinden – das geht, und das geht auf Kosten aller Beteiligten. Dem wollen manche Töchter offenbar entkommen, Lohnarbeit ist eben – höflich gesagt – unangenehm, und die Doppelbelastung machte es auch nicht besser. Der Irrtum der Jugendlichen besteht in der Vorstellung, es sich aussuchen und sich gegen den Zwang zur Arbeit einfach entscheiden zu können – da müsste der anvisierte Typ stinkreich sein und außerdem einen ausgeklügelten Ehevertrag unterschreiben; das Eherecht gibt diese Perspektive eher nicht her.
