„Verschwörungstheorien, Verdrehungen und Lügen“: Antworten auf kritische Meldungen

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  • 09_01_2026_Verschwörungstheorien_Verdrehungen_Lügen
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Über Feind- und Freundbilder

„Verschwörungstheorien, Verdrehungen und Lügen“:
Antworten auf kritische Meldungen

Es geht heute und vielleicht auch noch folgend um einige kritische Anmerkungen, die sich so angesammelt haben, vor allem zu den letzten Beiträgen. Ich dokumentiere mal und nehme dann Stellung.

Vorsicht: Dieser Beitrag ist Teil, Werkzeug und Waffe von Putins Angriffskrieg gegen die Demokratie, gegen Menschenrechte, gegen die Ukraine, gegen Europa und zur Erweiterung des russischen Imperiums. Tatsachen werden im Kommentar verdreht und es wird sich auf verschwörungstheoretische Quellen bezogen. So wie es auch andere Kommentare des Autors auf diesem Portal tun. Das Leben der Bewohner*innen der Ukraine sind dem Kommentator egal. Auch Aussagen im Kommentar zum 2. Weltkrieg sind sehr fragwürdig. … und daher verbreitest Du die Lügen und Rechtfertigungen für den Krieg und das Regime, damit es mehr Lügen gibt und der Krieg weiter gehen kann und damit andere weiter unter diesem Krieg und unter diesem Regime leiden.“

Krieg als Mittel oder Gut vs. Böse?

Nun, Waffe und Werkzeug Putins ist das russische Militär; und meine Beiträge sind ein Teil der Debatte darüber. Um mit dem Schluss einzusteigen: Der harte Vorwurf der „Lüge“ hält es nicht für nötig, auch nur eine zu benennen und womöglich zu widerlegen. Den Krieg gibt es auch nicht wegen damit verbundener „Lügen und Rechtfertigungen“, und er geht auch nicht deswegen seinen weiteren Gang. Eines hat die zitierte Person erkannt: Meine Beiträge sind sicher keine Rechtfertigungen von „Demokratie-Menschenrechte-Ukraine-Europa“ und der Erweiterung des europäischen Imperiums, das ist Absicht. Deswegen sind sie noch lange nicht Rechtfertigungen der anderen Seite; es geht um die Interessen und Zwecke aller kriegführenden beteiligten Parteien, aber das widerspricht dem Bedürfnis nach dem obligatorischen Feindbild. Die künstliche Intelligenz fasst zusammen:

Krieg als Mittel der Politik bedeutet, dass Gewalt und militärische Mittel eingesetzt werden, um politische Ziele zu erreichen, eine Idee, die maßgeblich von Carl von Clausewitz geprägt wurde: ‘Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln’. Politik ist dabei der Zweck, Krieg das Instrument, wobei das Militärische stets der Politik untergeordnet bleiben muss, um nicht sinnlos zu werden. Heute wird diese Sicht kritisch hinterfragt, mit Appellen, Krieg abzuschaffen und auf Diplomatie zu setzen, obwohl Kriege als legitimes Mittel der Politik weiterhin existieren.“

Gewalt überhaupt und Krieg speziell sind Mittel der Politik. Das halte ich für zutreffend, und diese Bestimmung ist weder ein Kompliment noch eine Rechtfertigung noch eine Verharmlosung noch eine Relativierung noch usw. … Das ist die Feststellung einer Tatsache. Die Beurteilung eines Krieges kommt nun einmal nicht ohne die Beurteilung der Zwecke aus, denen dieses Instrument dient. Das gilt für die Gewalt von Americafirst – gegen den Iran oder Venezuela; ebenso wie für den russischen „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine – „Angriff ist die beste Verteidigung“ ist eine alte strategische Weisheit; und die Angriffe der Ukraine gegen die Separatisten im Osten des Landes bis zum Kriegsbeginn; und die Anstrengungen der neuen europäischen Koalition der Kriegswilligen zur Verhinderung des Kollaps der Ukraine und zur Fortsetzung des Krieges. Es liegt in der Natur der Sache, dass die jeweiligen Kriegsparteien bzw. ihre Anhänger und Freunde sich diesen nüchternen Feststellungen nicht oder nur eingeschränkt anschließen, nämlich moralisch verzerrt: Die je „eigenen“ Zwecke und Interessen, denen die „eigene“ Gewalt dient, die sind rechtens, die des Feindes natürlich nicht, bis hin zum „Narrativ“, der Feind vertrete nicht nur üble, sondern gleich gar keine Zwecke, er sei also die pure Negation des Guten, wofür die „eigene“ Seite steht, also das Böse. Nur für die „eigene“Seite gilt, dass zweckmäßig gleich gerechtfertigt ist – beim Abschlachten. Über Leichen gehen alle Beteiligten, und diese dienen dann wechselseitig der Bebilderung des gegenüberstehenden Bösen. Aber: Kriege sind keine eruptiven kollektiven Amokläufe, sondern wohlvorbereitete und organisiert durchgeführte Gewaltorgien, bei denen die menschlichen Opfer als Menschenmaterial des jeweiligen Feindes unter die Räder kommen. Die Ermittlung eines Grundes, die Beantwortung der Frage, warum ein Staat einen anderen angreift, die widerspricht dem Bedürfnis nach Verteufelung des Feindes – weil im Normalfall des bürgerlichen Denkens das Verstehen im Sinn von Kapieren mit dem Verstehen im Sinn von Verständnis haben, mit Billigen einhergeht. Habe mich über Interessen und Zwecke öfter verbreitet, zum Nachlesen über die Lage der Politik auch vor Kriegsbeginn:

https://cba.media/538668
https://cba.media/538668

Feindbild Russland

Die MAGA-Strategie – Teil einer Verschwörung?

Welche „Tatsachen verdreht“ wurden, von mir, darüber schweigt sich der Einwand aus – dürfte man das vielleicht erfahren?! Zu viel verlangt? Der Vorwurf der „Benutzung verschwörungstheoretischer Quellen“ ist einigermaßen bizarr, denn im beanstandeten Beitrag wurden als wesentliche „Quellen“ der 28-Punkte-Friedensplan der US-Administration vom November und die neue Amerikanische Sicherheitsstrategie vom Dezember konsultiert! Bin nicht ganz sicher – wird in dem Einspruch bloß routiniert und quasi automatisiert mit empörten Floskeln hantiert, wie „Verdrehung“ und „Verschwörungstheorie“, oder existiert tatsächlich und ernstgemeint die Vorstellung, die US-Administration – immerhin schon ein Jahr im Amt und mannigfaltig hyperaktiv –, sei Teil oder zumindest Handlanger einer Verschwörung gegen die höchsten Werte, die dieser Einwand kennt: „Demokratie-Menschenrechte-Ukraine-Europa“??

Der Donald ist Teil oder Gehilfe einer antieuropäischen Verschwörung? In dem Fall wäre wenigstens kenntlich, woher diese tiefschürfende Idee kommt: Weil nicht sein KANN, was nicht sein DARF; weil es sich nicht um amerikanische Politik im amerikanischen Interesse handeln darf, müssen dunkle Mächte dahinterstecken? Mir ist schon bekannt, dass Interpreten, die seit und wegen Donald die Welt nicht mehr verstehen, zu verwegenen Konstruktionen greifen (müssen), weil sie ihr bisheriges Weltbild nicht missen möchten – aber gleich so radikal?

Habe mich in einigen Beiträgen bemüht, die amerikanische Wende zu analysieren, da werden sich Fortsetzungen nicht vermeiden lassen – und habe keine Verschwörung entdecken können! Hier die Quintessenz: MAGA hat Bilanz gezogen, hat die Kosten und Erträge des bisherigen US-Imperialismus nachgerechnet und ein Missverhältnis entdeckt; hat seinen Vorgängern vorgeworfen, die hätten die Konkurrenten Europa und China hochkommen lassen und speziell Europa als Trittbrettfahrer der US-Macht schmarotzen lassen – worin ihm immer mehr europäische Kommentatoren zumindest implizit recht geben –, und damit ist nun Schluss. Auf die Ukraine bezogen: Russland hat es in mittlerweile fast vier Kriegsjahren nicht bis Kiew geschafft; um das bisherige Kriegsergebnis im Interesse der Ukraine zu kippen, müssten die auswärtigen Unterstützer den Krieg selber eskalieren, mit unkontrollierbarem Risiko bzw. Amerika müsste wieder für fremde Interessen – Europa und Ukraine – Krieg führen; wo die Grenze zwischen der Ukraine und Russland verläuft, ist für Americafirst scheißegal; und sobald Europa und die Ukraine endlich eine Ruh’ geben, könnte Americafirst in ganz neuen und privilegierten Dimensionen ökonomisch in diesen Riesenraum – Ukraine und Russland – einsteigen. Noch einmal zum verantwortlichen Subjekt: Das ist m.E. der amerikanische Entwurf zur Neuordnung der Region. Wer bisher und gewohnheitsmäßig die USA als Dienstleister an höheren Werten wie Demokratie und Menschenrecht verhimmelt hat, mag sich darüber gern empören; aber man könnte auch zur Kenntnis nehmen, dass Donald den höheren Werten unüberhörbar eine Absage nach der anderen erteilt, Amerika hat es nicht nötig, sich mit höheren „Werten“ zu schmücken, es selbst ist der einzig wahre Wert – für Amerikaner.

Sicherheitshalber und nachgeschoben: Nein, der größte Donald aller Zeiten hat sich nicht von Putin „über den Tisch ziehen“ lassen, weil der ihm so gekonnt schmeichelt oder weil er scharf auf den Sprengstoffpreis ist – alle diesbezüglichen Varianten können oder wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass amerikanische Politik, dass US-Imperialismus neuerdings anders geht.

Friede mit / gegen / „Hitler?“

Eine ebenfalls konsultierte Quelle war eine Stellungnahme des deutschen Kanzlers. Wenn ein Journalist oder ein Politiker der hinteren Ränge den Vergleich mit Hitler bringt, dann will er halt ein anerkanntes Feindbild abrufen, insofern verbieten sich da Überlegungen zum Thema: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Wenn hingegen der amtierende deutsche Kanzler das tut, dann ist das ein hochoffizieller Unvereinbarkeitsbeschluss, quasi eine moralische Kriegserklärung: Friede ist nicht möglich. Das ist m.E. doch insofern bemerkenswert, als sich die von Trump düpierten Teilnehmer der europäischen Koalition der Kriegswilligen unbedingt in die immer noch „Friedensverhandlungen“ genannten Gespräche hineindrängen wollen, mit Selenskyj als Vehikel – und das, während Herr Merz sein geliebtes Volk auf die Unmöglichkeit des Friedens und die Unvermeidbarkeit des Krieges einschwört.

Wie bei den Vorwürfen „Verdrehung“ und „Verschwörung“ hält es der zitierte Einwand auch nicht für nötig, die monierte „Fragwürdigkeit“ der Auskunft zum Zweiten Weltkrieg zu erläutern: Es ist nun einmal eine Tatsache, dass Frankreich und Großbritannien seinerzeit sich vom deutschen Angriffskrieg gegen Polen für betroffen gehalten haben, und Deutschland darauf den Krieg erklärt haben. Falls das dem offiziellen, dem verordneten Geschichtsbild widerspricht – was nun?

Das „Leben der Bewohnerinnen der Ukraine“

war nicht Thema des beanstandeten Beitrags. Dass man im Kriegsgebiet beschissen lebt, ist hinlänglich bekannt. Zu den Prinzipien der Berichterstattung darüber gestatte ich mir eine Wiederholung aus dem Jahr 2022:

Andrea Böhm, zeitonline, 22.05.2022:
Ich würde gern nicht über Putins Krieg schreiben. Das wird nicht klappen – und genau das ist der Punkt.“
(https://www.zeit.de/politik/familie/2022-05/humanitaere-krisen-ukraine-krieg-berichterstattung-5vor8?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F)

Im April bin ich zwei Wochen durch die Ukraine gereist. Ich war geschockt von den Gräbern notdürftig verscharrter Opfer und den zerstörten Wohnhäusern. Ich war beeindruckt von einer kreativen, mutigen Zivilgesellschaft, die seit Kriegsbeginn umkämpfte Städte versorgt und Evakuierungen organisiert. Ich war berührt von den jungen Männern und (wenn auch wenigen) Frauen, die bereit sind, dieses Land mit der Waffe zu verteidigen.
Gleichzeitig spürte ich ein wachsendes Unbehagen mit meiner eigenen Branche, mit den Trauben von Fotografen und Reporterinnen (mich eingeschlossen) in Butscha und Irpin, mit der Welle von Titelgeschichten, Sondersendungen und Schlagzeilen über diesen Krieg. Ich bin keine Ukraine-Spezialistin, auch keine Osteuropa-Expertin. Ich beschäftige mich mit Ländern in Afrika und Nahost. Und mit jedem weiteren Tag in Kiew, Butscha, Irpin oder Tschernihiw wurde mir klarer, welche existenziellen Krisen in diesen vermeintlich fernen Regionen nun vollends von unserem medialen Radarschirm verdrängt werden.
Der momentan tödlichste und brutalste Krieg findet nicht in der Ukraine statt, sondern in Äthiopien. Nach Schätzungen von Experten sind dort seit Ausbruch der Kämpfe zwischen Rebellen und Regierung im November 2020 500.000 Menschen getötet worden – durch Waffengewalt, absichtlich herbeigeführten Hunger oder weil die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. …
Die größten humanitären Krisen der Welt spielen sich in diesen Monaten nicht in Osteuropa ab, sondern in Ländern wie dem Jemen oder Somalia. Im Jemen brauchen 23 Millionen Menschen, fast drei Viertel der Bevölkerung, Nothilfe, um zu überleben. In Somalia hält die längste Dürre seit Jahrzehnten an und gefährdet das Überleben von Hunderttausenden.
Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen – und damit tappe ich genau in die Falle, die mich am Krisenjournalismus so oft zweifeln lässt: die nach den Gesetzen des Marktes funktionierende Aufmerksamkeitsökonomie, der sich nicht nur meine Zunft, sondern auch Hilfsorganisationen unterwerfen. Schlagzeilen wie Spendengelder sind eine begrenzte Ressource, um die mit möglichst dramatischer Sprache und emotionalisierenden Bildern konkurriert wird.“

Ukraine beschlagnahmt Aufmerksamkeit zulasten Hungernder?

Damals, 2022, war es Äthiopien, heute wäre vmtl. der Sudan das Beispiel. Die Journalistin hält offenbar den – damaligen – Westen für eine Art von „Hilfsorganisation“, die leider viel zu sehr einer „nach den Gesetzen des Marktes funktionierenden Aufmerksamkeitsökonomie“ unterliegt; was dazu führt, dass über den Mangel an „Schlagzeilen“ auch die „Spendengelder“ gemindert werden; diese vielleicht auch umgeleitet werden, von den größten zu weniger großen humanitären Krisen, als da wäre – nach ihrer vergleichenden Skala – offenbar die Ukraine. Waffenlieferungen sind in diesem leicht verschrobenen Weltbild offenbar etwas Ähnliches wie mildtätige Spenden oder Hungerhilfe, beides entlang der „Aufmerksamkeitsökonomie“, die der „Krisenjournalismus“ bewirtschaftet. Nun, die Berichterstattung unterliegt keineswegs den Gesetzen einer Konkurrenz um die schrecklichsten Bilder, sondern den Gesetzen des Imperialismus, den Kriterien der Weltpolitik. Mal angenommen, rein hypothetisch, der Westen oder die USA oder „Europa“ würden einen der Warlords in Äthiopien oder im Sudan zum unerträglichen Autokraten ernennen, und einen anderen zum Hoffnungsträger der westliche Werte und zum Überwinder der ortsüblichen „Korruption“ stilisieren, und das als unmissverständliche Ankündigung anbringen, nun endlich und ernstlich mit Geld und Waffen in den Krieg einzusteigen – stante pede würden die erwähnten „Trauben von Fotografen und Reporterinnen“ in der Region einfallen wie sonst nur die ortsüblichen Heuschrecken. Sofort würden sie uns mit den berühmten „emotionalisierenden Bildern“ in den Bann ziehen – um uns erschöpfend über Recht und Unrecht zu informieren. Dann würde man auch über die verzweifelten Versuche einer „Zivilgesellschaft“ informiert, das Überleben irgendwie zu organisieren, und ebenso über die tapferen jungen Männer und die vermutlich unterrepräsentierten tapferen jungen Frauen, die für ihre jeweilige Sache kämpfen. Nein, nicht nur für ihre Sache, denn die wesentliche Botschaft wäre, dass sie „für uns“ kämpfen, irgendwie, vielleicht auch mehr indirekt, nämlich für die berühmten „weWe“ – die westlichen Werte, denn nur deswegen verdienten sie unsere Unterstützung! Damit wäre die moralische Vorentscheidung erledigt, denn an den jeweiligen Taten bzw. Gräueltaten könnte man die Parteien einfach nicht unterscheiden, über Leichen gehen in dem Szenario alle Parteien, und überaus tapfere Kämpfer wären auch auf allen Seiten der Fronten anzutreffen.

Politik und Verantwortungspresse kennen ja nicht nur den etablierten Flüchtlingsrassismus, also den Unterschied zwischen den wertvollen Flüchtlingen aus der Ukraine, und den nicht so wertvollen aus Afghanistan und Syrien. Schon immer etabliert war der analoge – ich nenn’ es halt mal so –, Leichenrassismus. Es gibt nämlich wertvolle und nicht so wertvolle Tote. Über die wertvollen wird man ausführlich informiert, keineswegs nur darüber, dass sie in ihren „Gräbern notdürftig verscharrt“ wurden. Die wertvollen Toten waren in der Regel auch wertvolle Individuen, sie werden mit Namen und Biographie vorgestellt, gern auch mit ihren nun hinfälligen Wünschen und Träumen. Die erfährt man von ihren tapferen trauernden Angehörigen, die unter Tränen erzählen, was die Toten für sie bedeutet haben, was sie noch vorhatten und wie sehr sie den Trauernden fehlen. Diese wertvollen Toten erteilen obendrein – man glaubt es kaum – noch aus dem notdürftigen Grab heraus Aufträge, die sie durch die Verwandten und / oder durch ihre Kriegsherrn ausrichten lassen: Sie verlangen, dass die Schlächterei, der sie zum Opfer gefallen sind, weitergeht und noch mehr Leichen produziert – denn ohne den Endsieg wären sie „umsonst“ gestorben, und das können die Toten nicht leiden.

Die nicht so wertvollen Leichen, die haben „wir“ hier im Reich der westlichen Verantwortungspresse so ausführlich und so liebevoll kommentiert nicht kennenlernen dürfen; die weniger wertvollen Leichen sind bloß tot, und finden in der Regel nur quantitativ Erwähnung, als Teil einer Masse. Auch die Leichen im von den prorussischen Separatisten gehaltenen Teil des Donbass – die respektable Zahl differiert mit den Quellen –, die von ukrainischen Milizen und der ukrainischen Armee vor dem Krieg produziert wurden, die hat man im Westen nicht auf diese Art und Weise vorgestellt. In den Separatistengebieten und in Russland natürlich schon – da wurden sie nämlich auf geradezu ekelhafte Weise für Propagandazwecke ausgeschlachtet und auf diese Weise noch im Tod missbraucht, aus hiesiger Sicht … So geht Propaganda mit Leichen, und die freie Verantwortungspresse steht da ihren „totalitären“ Pendants nicht nach. Das gezielte Verschweigen der Verantwortungspresse besteht übrigens gar nicht primär im Vergleich der Darstellung zu den weniger wertvollen Leichen. Der wesentliche Gehalt des Verschweigens besteht in der Vorführung der wertvollen Toten ausschließlich als Privatpersonen, die doch bloß ihren alltäglichen Interessen und Obliegenheiten nachgehen wollten, und völlig grundlos umgebracht wurden. Gezielt verschwiegen wird, als was sie genommen und in welcher Eigenschaft Leute im Krieg getötet werden: Als Mittel, als Menschenmaterial einer feindlichen Staatsmacht wurden sie zu Zielscheiben; völlig wurscht, ob sie als Individuen sich da überhaupt betroffen sahen und sich beteiligen wollten, oder nicht.

Mitleid ist nur scheinbar eine unmittelbar menschliche Regung, von der man ergriffen wird, sobald man von Schlächtereien und Gräueltaten erfährt. Erstaunlich, wie billig Mitleid zu mobilisieren und zu manipulieren geht. Oder doch nicht?

[Fortsetzung folgt, wahrscheinlich.]

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