Eine mit „AL“ von coloRadio Dresden gezeichnete Kritik hat sich zu Wort gemeldet (https://www.freie-radios.net/140781); ich war – fast – schon angenehm überrascht, weil diesmal die Bekundungen des Missfallens ausführlicher formuliert sind; und nehme die Einwände hiermit auf. Inzwischen ist über Umwege ein formeller „Löschantrag“ von AL auch bei mir gelandet. In diesem Löschantrag sind – auch – die mir schon bekannten Einwände enthalten, und nachdem ich mit der Antwort auf diese Kritik so gut wie fertig war, teile ich mal diese Antwort mit; den vollständigen Löschantrag lese ich später. (Da ich persönlich angesprochen wurde, antworte ich ebenso.)
Dazu noch in eigener Sache: Ich habe keine Ahnung, wie das auf freie-radios.net läuft. Ich weiß also nicht, ob ich diesen Beitrag dort überhaupt noch hochladen kann bzw. wer ihn zur Kenntnis nehmen kann. Insofern eine Bitte: Falls AL mit diesem Antrag Erfolg hat, interessiert mich natürlich, ob es andere Plattformen gibt, auf denen ich meinen Podcast publizieren könnte. Bitte um Nachricht.
Kremlsprech, Lügen und Radio
(Die Einwände von AL sind kursiv):
Lügen und Kremlsprech passen in die Weltwoche, aber nicht auf freie-radios.net Du kannst Deine geopolitische Analyse, welche sich nicht um das menschliche Individuum kümmert, gerne bei der Weltwoche einreichen, aber auf freie-radios.net passt es nicht.
Na ja, eine „geopolitische Analyse“ hat einerseits einen anderen Gegenstand als „das menschliche Individuum“. Andererseits ist das „menschliche Individuum“ in meinen Analysen ständig präsent, allerdings in der für die Betroffenen unangenehmen Ausprägung: Nämlich als Menschenmaterial der politischen Herrschaft, als Volk, das von der politischen Macht, den Machthabern – ob demokratisch gewählt oder nicht – benutzt wird, zum eigenen Schaden und zum Schaden fremder Völker. Was könnte damit gemeint sein? Nun, AL, Dir ist doch geläufig, wie das gute, brave deutsche Volk, bestehend aus lauter menschlichen Individuen, aktuell von seiner demokratisch gewählten Regierung kritisiert wird: In seiner Eigenschaft als Arbeitskraft ist es zu teuer und zu faul („Lifestyle-Teilzeit“, wo die Leute doch zum Arbeiten da sind!), weswegen „die Wirtschaft“ zu wenig wächst; in seiner Eigenschaft als unproduktiver Sozialfall verbraucht es erst recht viel zu viel Geld, das der deutsche Staat für Waffen braucht; und in seiner Eigenschaft als Kanonenfutter ist es noch nicht einmal wehrpflichtig und braucht viel Berlinsprech, um seinem angeblichen Mangel an Kriegswilligkeit („Kriegstüchtigkeit“) abzuhelfen. In dieser Form – als Betroffene und Opfer – kommen in meinen Beiträgen die „menschlichen Individuen“ ständig vor, notgedrungen.
Diese Lügen (Deine „Argumente“) speisen sich aus der Weltwoche. Die Weltwoche, die Du 3x im Beitrag als einzige Quelle nennst, ist ein Magazin, das, wie jeder weiß, Kremlpropaganda verbreitet.
Zur Info: Die „Weltwoche“ ist eine Wochenzeitung aus der Schweiz, die sich viel auf ihren Pluralismus zugute hält, ebenso wie auf ihre Vorwürfe gegen die – ich nenn’ es halt mal so – etablierten Medien, die Mainstream-Medien, die Lügenpresse usw.; gemeint sind die Medien, die sich als Sprachrohre der europäischen Großmächte betätigen, die Berlinsprech und Brüsselsprech verbreiten. Insofern liest man in der „Weltwoche“ auch Beiträge, die in ebendiesen Medien nicht vorkommen oder nur am Rand – zum Beispiel liest man über den europäischen Umgang mit der Meinungsfreiheit von Leuten, die den Berlinsprech, den Brüsselsprech etc. über den Ukraine-Krieg nicht fugenlos nachplappern. (Mich betrifft das nicht, dazu sind meine Beiträge zu unwichtig, auch wenn Du sie gern aus der kleinen Welt der „Freien Radios“ entfernen möchtest. Nebenbei, wozu denn noch „Freie Radios“, wenn Du dort nur die Propaganda konsumieren willst, die eh’ woanders hinlänglich verbraten wird?) Die „Weltwoche“ ist nicht meine einzige Quelle; die Quellenlage ist allerdings beim Ukraine-Krieg tatsächlich ein Problem, als die „Lügenpresse“ ihr Gewerbe gern durch gezieltes Verschweigen betreibt: Der hiesige ORF hält jede Wortspende von Herrn Selenskyj für Offenbarungen, über die Positionen des Kreml erfährt man da so gut wie nichts, es sei den was Verurteilendes aus den Mündern unglaublich glaubwürdiger europäischer Politiker, oder gleich und pauschal unter „Desinformation“. Und, ja, da hast Du recht, in der „Weltwoche“ kommen doch tatsächlich manchmal auch russische Politiker und Experten – was es nicht alles gibt! – im Original zu Wort, also in Deiner Diktion: Kremlpropaganda. Auch Kriegskritiker aus Europa können dort publizieren, wie Oscar Lafontaine. Wenn man sich darüber informieren will, ist man halt verarscht, wenn man sich auf die etablierten Medien beschränkt. Und wenn die Positionen des Kreml ohnehin so offenkundig aus Propaganda bestehen, warum dann die europäische Zensur von „Russia Today“? Der „mündige Bürger“ – wieder mal überfordert und daher eine gefährdete und schutzbedürftige Art?
[A propos – was hältst Du von folgenden Hinweisen: „Sorry, the EU has no right to cry ‚McCarthyism’“ (https://responsiblestatecraft.org/eu-sanctions-trump/) Auf deutsch: “Sorry, die EU hat kein Recht, über ‚McCarthyismus‘ zu jammern” (https://anti-spiegel.ru/2026/sorry-die-eu-hat-kein-recht-ueber-mccarthyismus-zu-jammern/)
Ich nehme mal an, der link zum „Anti-Spiegel“ disqualifiziert mich und in einem Aufwasch alle meine Beiträge noch entschiedener als die Zitate aus der „Weltwoche“; aber der Genauigkeit halber will ich doch darauf herumreiten, dass Deine höchstpersönliche Abneigung gegenüber einer Quelle keinen einzigen der dort publizierten Berichte widerlegt.]
Alles eine Frage der Werte. Das stimmt!
Es ist eben doch entscheidend, um welche Werte es geht. Man kann für Menschenrechte sein oder dagegen. Für Demokratie oder für Diktatur. Menschen als gleich oder ungleich betrachten. Menschliches Leben als schützenswert oder nicht. Für Putin oder gegen Putin sein. Wie aus Deinem Beitrag zu schließen ist, hegst Du Sympathien für Putins Diktatur. Aber diese kannst Du eben auch nur durch Lügen rechtfertigen, wie sie der Kreml benutzt.
Auch da hast Du was getroffen; ein Bemühen um „geopolitische Analyse“ ist ohne Zweifel etwas anderes als das von Dir verlangte Bekenntnis zu den Glorifizierungen, mit denen sich die westlichen Machthaber selbst feiern und die man als Berlin- und Brüssel- und auch Wiensprech bis zum Erbrechen geliefert bekommt. Als Washingtonsprech mittlerweile übrigens nicht mehr.
Ist Dir mal aufgefallen, wie billig das Bekenntnis zu „Werten“ ist? Die Machthaber berufen sich drauf – und fertig! Behauptet ist ja nichts weiter, als dass die politische Macht sich in allem, was sie anrichtet, in einer dienenden Position gegenüber höherem Zeug befindet und betätigt. Die machthabenden Wertebeschwörer sind durch diese wohlfeile Masche auf nichts festgelegt und an nichts gehindert. Diese Berufung ist ein funktionales Äquivalent und leistet das, was früher die Berufung auf den lieben Gott erledigt hat – die Macht stellt sich selber unter einen höheren Auftrag und dementiert, sie wäre „bloß“ im eigenen Interesse oder für den „nationalen Egoismus“ tätig. In dieser Hinsicht macht sich, eingeleitet von Mr. MAGA in Washington, ein Reformbedarf geltend; das aktuelle Bekenntnis Friedrich Merzens zur bitter nötigen europäischen Machtpolitik reklamiert inzwischen genau diese Freiheit, das als bloße „Machtpolitik“ gegeißelt wird, sobald sich ein Ausland der eigenen Machtpolitik entgegenstellt, welche natürlich weiter im Namen der Werte agiert, weil die Werte nur von der jeweiligen Macht leben, die sich auf sie beruft. Literatur:
Die westlichen Werte: Im Faktencheck und in der Praxis. https://cba.media/584940
Ein weWe im „Faktencheck“: Das Recht auf Meinungsfreiheit: https://cba.media/594629
Die Werte, auf die sich der Westen – bisher – berufen hat, kreisen allerdings nicht um den Herrgott, sondern um den „Menschen“ und weiter um die Demokratie als die diesem angemessene Variante von Herrschaft. Da will ich Dich wenigstens daran erinnern, dass die real existierenden demokratischen Staaten Deine heftige Abneigung gegen Diktaturen nicht teilen. Die Demokratien kommen außenpolitisch mit Diktaturen bestens zurecht, sofern diese sich nützlich machen. Auch sollen schon demokratische Regimes im Auftrag auswärtiger Demokratien zur Diktatur weiterentwickelt worden sein. Falls Du Dich daran nicht erinnern kannst, solltest Du Dich um andere Quellen umschauen. Gerade durch die exzessiven Hinweise auf Israel als die „einzige Demokratie“ in der von Netanjahu umgestalteten Region hat das Schlagwort „Demokratie“ eine kleine Zuspitzung erfahren bzw. wurde zur Kenntlichkeit entstellt: „Demokratie“ behauptet doch längst nicht mehr, solche Staaten würden sich anders als die viel gescholtenen Diktaturen benehmen; umgekehrt sind Demokratien, weil demokratisch regiert, zu jeder Sauerei berechtigt, die Demokratieanhänger einer Diktatur schwer ankreiden würden – aber nur bei Bedarf, wenn die Diktaturen nicht parieren.
„Die Wahrheit stirbt zuerst“ (3) Von den Vorzügen der Demokratie. https://cba.media/549372
Wofür ist man, wenn man „für“ die „Menschenrechte“ ist? Diese – besser „Bürgerrechte“ genannt, denn so „gleich“ sind ausländische Menschen im Herrschaftsbereich der Menschenrechte auch wieder nicht –, sind sehr praktisch wirkende Herrschaftsprinzipien. Damit meine ich die tatsächlich, die verfassungsrechtlich gültig gemachten Rechte und praktisch gültigen Pflichten, mit denen die demokratischen Staaten ihre Untertanen nützlich machen. Diese werden genau dadurch zu „Menschenmaterial“ der politischen Macht, was diese wieder als Dienst an den „Menschen“ feiert. Ich nehme an, auch darin stimmen wir nicht überein. In einer Hinsicht triffst Du was: Durch die Beschwörung von „Werte-Menschenrechte-Demokratie“ heilig(t)en sich – bisher – die Machthaber im Westen selber und alle ihre Werke, und dadurch verteufeln sie ihre Gegner als Verkörperungen des Bösen: Ziemlich primitiver Berlinsprech, Brüsselsprech! Oder?
Kriegswillig? Widerwärtig und widerwillig!
Auch deine Wortwahl ist Kremlsprech. Du sprichst von „europäische Koalition der Kriegswilligen“. Das finde ich eine widerwärtige Wortwahl. Kriegswillig ist Putin. Die Ukraine verteidigt sich und seine Menschen vor dem Krieg (auch russischer Angriffskrieg genannt). Andere europäische Regierungen haben erkannt, dass auch andere europäische Länder und ihre Bewohner*innen in den Krieg aus geografischen Gründen hereingezogen werden, wenn die Ukraine verliert. Daher helfen sie etwas bei der Verteidigung. Aber eben eher widerwillig und unzureichend.
Ich weiß gar nicht, ob die Bezeichnung „Kriegswillige“ ein „Kremlsprech“ ist, denn dass der erwähnte Wille ein Wille zum Krieg bis zum letzten Ukrainer ist, darauf bin ich schon selber gekommen, das ist auch nicht schwer. Da ist Dein Einwand – „widerwärtige Wortwahl“ – ein wenig inkonsistent. Die Beschwörer der Abteilung „Werte-Menschenrechte-Demokratie“ sind doch nach eigener und Deiner Präsentation ausdrücklich im Recht mit ihrem Kriegswillen. Nehme an, Du meinst, ausgerechnet die sich selbst die „Willigen“ nennenden, die wollen eigentlich gar nicht, sie müssen aber, nunmehr aus Gründen der Geografie. Gut beobachtet, denn dass machthabende Werte-Heinis von ihren Werten in den Krieg gezwungen werden – das hat Donald Trump nachhaltig zurückgewiesen. Der hat nicht nur die Werte außer Kurs gesetzt, er hat die Fähigkeit der Ukraine zum Krieg beschädigt, und damit die antirussischen Ansprüche der europäischen „Koalition der Verteidigungskriegswilligen“. Ist Dir aufgefallen, wie offen selbstbezüglich diese Koalitionäre sich und ihre Ambitionen seither vortragen? „Europa“ muss dabei sein, „Europa“ muss mitreden und mitverhandeln, es dürfen nicht USA und Russland ohne „Europa“ eine Nachkriegsordnung ausknobeln usw. Und angesichts des Friedensplans von Trump (https://cba.media/746550) besteht die einzig europäisch machbare Art der Einmischung darin, die Ukraine kriegsfähig halten zu wollen – um dadurch sich wieder einzumischen, in jeden „Deal“ von Trump mit Putin. (https://cba.media/751254).
Kein Frontstaat in fremden Diensten? Irrt Selenskyj?
Kremlsprech ist auch, wenn Du die Ukraine auf Selenskyj begrenzt, als ob da nicht andere Menschen leben, die nicht zerbombt werden wollen, die nicht frieren wollen, die nicht flüchten wollen, die nicht gefoltert werden wollen, die endlichen Frieden wollen, die Freiheit wollen. Die Ukraine verteidigt sich daher nicht, weil sie, wie Du es meinst ein „Frontstaates in auswärtigen europäischen Diensten“ sein wollte. Das ist Kremlsprech.
Ein Beitrag kurz vor Kriegsbeginn: Zur aktuellen Lage in der Ukraine: https://cba.media/538668
Aktueller: Sicherheitsgarantie: https://cba.media/728830
Selenskyj und die ukrainischen Menschen: Nun, Selenskyj ist der Staatschef der Ukraine und damit Repräsentant der Ukrainer, der Umstand gilt auch für Putin und die Bewohner der Russischen Föderation. (Ich nehme an, Du wehrst Dich gegen diese Parallele, weil Du das das für ein in einem Fall unverdientes Kompliment hältst; dabei sind damit bloß Tatsachen benannt. Nehme weiter an, dass Du über diese Auffassung auf die Idee kommst, ich hätte Sympathien für „Putins Diktatur“.) Nachdem die Machtverhältnisse in beiden Ländern intakt sind, sind damit auch „die Menschen“ festgelegt; sie müssen mit den Machenschaften und Befehlen der eigenen und fremden Machthaber fertig werden. Dass viele „Menschen“ in der Ukraine den Krieg satt haben, stimmt sicher, aber nachdem die Staatsspitze (derzeit noch) das ganze frühere Staatsgebiet „befreien“ will, müssen diese ukrainischen Menschen mit den Folgen zurechtkommen, und „muss“ der Krieg weitergehen. Nach Lage der Dinge entscheiden die Einzelheiten die auswärtigen Sponsoren; denn alles, was die Ukraine in Sachen Krieg vermag oder eben nicht vermag, ist das Werk auswärtiger Unterstützer. Deswegen ist Selenskyj unermüdlich damit beschäftigt, diesen seinen Hintermännern und -frauen den Nutzen des Krieges für den Westen anzupreisen, neuerdings notgedrungen nur mehr für die EU; eben den Nutzen eines „Frontstaates in auswärtigen europäischen Diensten“ – der Staatschef sieht seine und damit die Perspektive der Ukraine in einem Militärstaat, der sich für „Europa“ nützlich machen muss, um finanziert zu werden. In Deiner Diktion: Damit die Ukraine „sich verteidigen“ kann, ist sie auf das auswärtige Interesse an ihr verwiesen.
Eine Kremllüge, die Du benutzt ist, dass Russland am 24.2.2022 die Vollinvasion startete, weil die Ukraine die Donbasrepubliken angegriffen hätte. Der Donbas ist ukrainisches Staatsgebiet. Russland begann diesen Krieg im Februar 2014, indem es die Krim annektierte und mit Geheimdienstleuten, Soldaten und Waffen Teile des Donbas besetzte. Das waren keine Separatisten. Die Kremllüge, auf die sich dieser Beitrag bezieht ist, die Ukraine hätte sich nicht an die Minsker Vereinbarung gehalten. Wenn dem so wäre, wäre das trotzdem keine Rechtfertigung für Russland, einen noch größeren Angriff durchzuführen. Die Minsker Vereinbarung war ein Abkommen, zu dem die Ukraine durch ausländischen Druck genötigt wurde und es bezog sich auf ukrainisches Staatsgebiet, was von Russland besetzt war wofür eigentlich alleinig die Ukraine zuständig ist. Russland wollte mit dem Minsker Abkommen mehr Einfluss auf die ukrainische Politik erlangen, als es vorher hatte. Russland hat den Donbas widerrechtlich besetzt und hat damit kein Recht sich diesbezüglich zu beschweren. Dennoch wurde das Abkommen nicht von Russland eingehalten, so wie Russland auch das Budapester Memorandum von 1994 oder die Charta der Vereinten Nationen nicht eingehalten hat. Daher braucht die Ukraine richtige Sicherheitsgarantien und kann auch nicht seine jetzigen Befestigungsanlagen im Donbas verlassen, weil sie sonst zukünftigen russischen Angriffen ungeschützt ausgeliefert wäre. Und damit bin ich jetzt gerade mal auf EINE Folge Deiner Serie etwas detaillierter eingegangen.
Nur leicht ironisch: Erstens war das also kein Angriffskrieg der Ukraine oder ukrainischer Milizen auf die Separatisten-Republiken, weil es zweitens ein voll berechtigter Angriffs- und deswegen ein Verteidigungskrieg war, weil es drittens ohnehin keine Separatisten gab – sagt der Kiew-Sprech. Außerdem und viertens wurde „Minsk“ durch „ausländischen Druck“ aufgenötigt und war ungültig, weil Russland damit – das stimmt! – „mehr Einfluss auf die ukrainische Politik erlangen“ wollte; was aber nur „Europa“ zusteht. Dein Leugnen des russischen Separatismus im Donbass beruht womöglich auf einem Missverständnis meiner diesbezüglichen Ausführungen: Mit dem Hinweis auf die dortigen „Russen“ wollte ich nicht behaupten, die Separatisten wären im Recht gewesen; die Behauptung war, dass es sich beim Recht auf Selbstbestimmung um eine Erfolgs- und deswegen um eine Gewaltfrage handelt, die durch eine vorhandene oder fehlende Unterstützung entschieden wird; dazu die Vergleiche mit Jugoslawien bzw. Palästina und Kurdistan. Das verlogene regierende und publizierende Demokratenpack im Westen hält es mit Selbstbestimmung vs. Territoriale Integrität genau so instrumentell wie mit Demokratie vs. Diktatur … Kleiner Scherz am Rande: Wie erklärst Du Dir die Diskriminierung / Kriminalisierung der russisch Sprache, Kunst und Kultur, der russisch-orthodoxen Religion in der ukrainischen Musterdemokratie, wenn es dort eh’ keine russlandaffinen Landsleute gibt? Wie ist die diesbezügliche Lage der Menschenrechte, die von den MAGA-Witzbolden in Trumps Friedensplan süffisant aufgegriffen wurde? Mein Tipp wäre: Putin unterdrückt, weil er ganz bösig ist, Selenskyj unterdrückt nur notgedrungen und umständehalber wider Willen, und ist daher entschuldigt? Schuld an politischer und völkischer Gleichschaltung in der Ukraine ist also Putin, weil der sich sonst auf Separatisten berufen könnte!
Und natürlich geht der Krieg um so länger, um so mehr diese Kremllügen verbreitet werden, wie es die Weltwoche tut und wie Du es tust. Ihr negiert damit das Recht der Bewohner eines Landes in Frieden und Freiheit zu leben. Ziel dieser Kremllügen ist damit die Unterstützung der Ukraine zu verringern und damit den Krieg länger zu führen, Putins Diktatur zu stützen und Putins Imperium auszuweiten.
Letzter Versuch: Nein, den Krieg gibt es nicht, weil über ihn bzw. die Ukraine Lügen verbreitet werden, sondern wegen unüberbrückbarer Interessengegensätze mit der Russischen Föderation über den strategischen (NATO-)Status des Landes; und wegen der Kalkulationen der USA bzw. „Europas“ mit der Ukraine. Er ist auch nicht durch mehr Wahrheit=Kiewsprech zu beenden. Über die Rechte der Bewohner entscheiden nicht die „Weltwoche“ und ich, sondern die genannten Parteien. Du willst meines Erachtens über Deine Wahrheit hinaus – „Die Ukraine ist im Recht, die Ukraine ist im Recht!“ – im Grunde gar keine Reflexion zulassen, weil jeder darüber hinausgehende Gedanke diese elementare Wahrheit doch nur zergliedern und relativieren könnte. Also Scheuklappen auf und durch! Das Gleichheitszeichen zwischen „Frieden und Freiheit der Bewohner“ mit dem Sieg über Russland ist übrigens „Kiewsprech“.
Die große Welt von „Werte-Menschenrechte-Demokratie“: Die Glorifizierung bisher westlicher Herrschaftsprinzipien als Totschläger gegen abweichende Meinungen – das ist es?
Soweit es mich betrifft, geht die Diskussion natürlich weiter. Wo und wo nicht, entscheide nicht ich.
