Und nun zu etwas ganz anderem: Jenseits der (Un)Gleichheit!

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Vorbemerkung:
Die Familie
Ort des Glücks
Ort der unbezahlten Arbeit
Ort des Psychoterrors
Ort des Amoklaufs

Unter diesem Übertitel hab’ ich 2020 eine Serie begonnen, die sich an damaligen Ereignissen entlang entwickelt hat, die deswegen teilweise etwas redundant ausgefallen ist. Hier zugänglich:
https://cba.media/podcast/kein-kommentar/page/10?orderby=date&search_series

Der folgende Beitrag ist der – vorläufige – Abschluss zum Thema „Geld und Gewalt“ unter dem Gesichtspunkt „Gleichheit“ bzw. „Ungleichheit“:
Neuigkeiten vom Gender-Pay-Gap: https://cba.media/761903
Feminismus anno 2026: https://cba.media/764447
Freiheit und Gleichheit – Große Errungenschaften: https://cba.media/775720

Und nun zu etwas ganz anderem:
Jenseits der (Un)Gleichheit!

Es gibt eine Abteilung in Sachen Gleichbehandlung von Frauen und Männern, da hat sich mittlerweile und so halbwegs herumgesprochen, wie Gleichheit auf Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit und echte Schädigung hinausläuft, nämlich in der medizinischen Diagnostik und Therapie: Da war die durchschnittliche männliche Physis die längste Zeit das Maß aller Dinge, weswegen bei Frauen manche Symptome systematisch falsch diagnostiziert und behandelt wurden. Ja, mir ist klar, so war das mit der Forderung nach „Gleichheit“ natürlich nicht gemeint – aber wie war oder wie ist es denn gemeint? Der Hinweis soll besagen, dass sich beim Fordern nach mehr „Gleichheit“ gar nichts von selbst versteht, weil doch ohnehin alles klar sei. Ist es nicht.

In dem Sinn würde ich gern dem häufig gedankenlosen Gleichheitsgedöns eine kleine Aufgabe übertragen: Wer unbedingt und gewohnheitsmäßig weiterhin nach Gleichheit seufzen bzw. deren Abwesenheit beklagen möchte, möge doch erst mal erklären, wer denn warum und inwiefern bzw. worin „gleich“ sein soll; bzw. wer auf welcher Basis von wem „gleich“ behandelt werden möchte. Gleich gemacht zu werden ist ja auch nicht identisch damit, gleich behandelt zu werden.

Gleichheit und Geld

Gut, klar, es geht erst mal um das liebe Geld, wenn von feministischer und journalistischer Seite die Gleichheit beschworen wird! Bloß wird in diesem speziellen Gleichheits-Gefummel das, worauf es ankommt, gar nicht angesprochen: Wie viel Geld braucht Frau für einen anständigen Lebensstandard? Wie lange muss Frau dafür arbeiten, wie viel Zeit bleibt ihr dann? Und wie kaputt oder wie entspannt ist denn Frau nach der Arbeit? Statt dessen wird die schlichte Frage: Warum verdienen Frauen wie viel, mit welchen Leitlinien für Leistung und Lohn sind Frauen konfrontiert – diese Frage wird vom Feminismus von vornherein unter den Blickwinkel Gleichheit bzw. Ungleichheit gebeugt. Im Fortgang fällt der einschlägigen Debatte anscheinend nicht einmal auf, dass die Forderung nach mehr Geld gar nicht gleichbedeutend ist mit der Forderung nach Gleichheit – denn gleicher Lohn ist auch durch die „Nivellierung nach unten“ zu haben. Das monieren zumindest skeptische Postings zur aktuellen Diskussion über die neue Transparenzrichtlinie der EU, denn

ab sofort kann man nämlich bei jeder noch so gerechtfertigten individuellen Gehaltsforderung entgegnen, dass dies leider nicht möglich sei, wegen des Gender Pay Gap Reportings … ‘Der Kollege in der selben Position bekommt auch nicht mehr daher kann ich Ihnen nicht mehr geben’“
(Vgl. dazu auch „Neuigkeiten vom Gender-Pay-Gap: Rechtssicherheit für die ‘Lohnlücke’! in https://cba.media/761903 bzw. https://99zueins.de/der-mann-im-kapitalismus/)

Die moralische Verdrehung von Unterschieden in Ungerechtigkeiten ist obendrein – unabhängig von den Geschlechtern der Beteiligten – auch in die andere Richtung zu haben. Frauen verdienen im Durchschnitt zu wenig – wieso nicht umgekehrt, Männer verdienen zu viel? Ist doch ebenso plausibel. Seit wann ist ein aus Männerlöhnen extrahierter Durchschnitt eine Norm?! Und überhaupt: Warum ist eine Aufregung anlässlich des „fat cat day“ am 9. Jänner 2026 (https://www.arbeiterkammer.at/fatcatday) kaum wahrnehmbar, verglichen mit den „equal pay days“ und wo bleiben die analogen Pseudo-Rechnungen? „Fat Cats“ sind die Spitzenmanager, das bedeutet also, normale Gehaltsbezieher würden ab dem 9. Jänner dieses Jahres – im Vergleich – „unbezahlt“ arbeiten, weil die „fat cats“ bis zum 9. Jänner das verdienen, was ein Durchschnittsarbeitnehmer im ganzen Jahr verdient?! Laut Arbeiterkammer; weg mit dem „fat cat gap“? Und was nützt es denn einer Individualverdienerin, wenn in einer obskuren Gesamt-Statistik eine pseudo-berechnete Veränderung eines Durchschnittswerts um einen Prozentpunkt aufscheint, die an jedem realen Frauengehalt und dessen Kriterien völlig vorbeigeht? Warum nicht gleich der Einheitslohn für alle – immerhin sind die Preise auch für alle gleich?! Aber dass sich eine Feministin mit einer Forderung nach dem Einheitslohn lächerlich machen und ins marktwirtschaftliche Abseits stellen würde, ist auch klar; die Gap-Vorstellung lebt schließlich von der Begeisterung für die Marktwirtschaft, nämlich vom Vorwurf, ausgerechnet die Kapitalisten würden un-kapitalistisch vorgehen und würden von Vorurteilen daran gehindert, Frauen auch so bedenkenlos zu benutzen wie Männer!

Es existiert im Kapitalismus kein Grundsatz, der einen gleichen Lohn für eine gleiche Tätigkeit dekretiert. Der sog. „Biennalsprung“ etwa heißt so, weil in vielen Kollektivverträgen (in Österreich) eine automatische Gehaltserhöhung (Vorrückung) meist alle zwei Jahre ab Betriebszugehörigkeit erfolgt. Wer schon länger in der Firma tätig ist, erhält mehr für die gleiche Tätigkeit als ein Einsteiger. Und wenn ein Betrieb neue Leute einstellt, um einen neuen Auftrag zu bewältigen, dann wird für die Anwerbung notgedrungen auch mal mehr bezahlt als den bisher Beschäftigten. Doch sogar wenn dieser fiktive Grundsatz in Kraft wäre, die durchschnittliche Differenz weiblicher Einkommen ist Resultat der bekannten unterschiedlichen weiblichen „Erwerbsbiographie“ – Mutterschutz, Karenz, Teilzeit bzw. „motherhod penalty“ bzw. „unbezahlte Arbeit“. Die Differenz kommt also unter Einhaltung aller Regeln der kapitalistischen Besoldungskunst zustande und nicht, indem Frau ein Lohn vorenthalten wird, der ihr zustünde.

Gleichheit und Gewalt

Die zwei Dauerthemen – die Geldfrage und die Gewaltfrage –, die kommen in den üblichen feministischen Beschwerden unter den Stichworten „Gleichheit“ und „Ungleichheit“, also verfremdet und verzerrt vor: Die „Gleichheit“ ist eine Art von Fetisch, der heraufbeschworen wird, als würde er denen, die an ihn glauben, einen Einfluss in Geldangelegenheiten verleihen – und die „Ungleichheit“ dient der weltanschaulichen Einordnung disparater Phänomene, die Frauen zu schaffen machen. Da wird vieles in einen großen Topf der „Ungleichheit“ geworfen:

Der Gender-Pay-Gap, die Pensionsschere – all diese ökonomischen Zahlen zeigen deutlich, wie stark die Ungleichheit in Österreich noch vorhanden ist. Deshalb überrascht es mich auch nicht, dass Österreich in anderen Feldern von institutioneller oder sexualisierter Gewalt weit hinten liegt.“ (Barbara Blaha im Interview, https://www.derstandard.at/story/3000000314924/barbara-blaha-viele-maenner-sind-sich-ihrer-patriarchalen-privilegien-nicht-bewusst)

Hinter dem „Gap“ steht eine Gestalt namens „die Ungleichheit“, und die steht auch hinter der Gewalt. Sobald Frauen – im Durchschnitt – weniger verdienen, „überrascht es nicht“ (sic!), wenn eine Frau vergewaltigt oder vom „Ex“ umgebracht wird? Echt jetzt? Die „Gleichheit“, die da von feministischer Seite thematisiert wird, hat mit einer Kritik an Ökonomie, Politik, Familie nichts zu tun. Da wird alles mögliche, was Frau widerfährt, als Abweichung von einem Idealzustand gefasst, dann kriegt dieser Idealzustand den Namen „Gleichheit“, und dann wird – resigniert oder kämpferisch – ein ums andere mal die Abwesenheit des Idealzustandes registriert und mehr Gleichstellung verlangt. Was denn mehr Gleichheit auf den „Feldern sexualisierter Gewalt“ bedeuten soll, will man da lieber gar nicht wissen.

Der ergänzende omnipräsente Mangel ist in der Regel das kleine Wörtchen „noch“, das in keiner Beschwerde fehlen darf, so als wären die „unerwünschten“ Wirkungen von Arbeit und Familie längst in Auflösung begriffen, bloß dauert das halt ein wenig zu lang. Eine kleine Erinnerung: 1978, also vor fast fünfzig Jahren, haben Cheryl Benard / Edit Schlaffer Texte über „Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe“ (Buchtitel) publiziert. Damals gab es allerdings noch kein „Ausländerproblem“ und keine „kulturfremde Migration“, also keine Eignung dieser familiären Gewalt für Ausschlachtung und Hetze. Damals war das noch eine unaufgeregte Inländerangelegenheit, unaufgeregt zumindest verglichen mit dem heutigen bespielten Dauerthema, dem ständigen Nachzählen der „Wegweisungen“ und „Femizide“, und des Migrationshintergrundes. Ziemlich hellsichtig notieren die Autorinnen damals:

In einer Konkurrenzgesellschaft nimmt der Privatbereich, dessen Kernstück Ehe und Familie sind, den Charakter einer Restkategorie an; daraus folgt die Überfrachtung dieses Bereichs mit Erwartungen und Bedürfnissen, die von den gegebenen Zuständen auf Grund dieser Zustände unerfüllbar bleiben müssen. … Die Ideologie der Liebe und die Institutionen von Männlichkeit und Weiblichkeit verhindern die Erkenntnis, daß die Erwartungen an eheliches Glück von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Enttäuschung und Aggression sind in die Beziehung einprogrammiert.“ (Edit Schlaffer / Cheryl Benard, Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe, Rowohlt 1978)

Die Antwort auf die damit doch gestellte Frage, warum die Beteiligten es dann nicht bleiben lassen, wenn sie voneinander enttäuscht sind, bzw. warum es – in der Regel für die Frau – erst recht gefährlich wird, sobald sie es endgültig bleiben lassen will, die ist den Autorinnen mit dem Hinweis auf die „Ideologie der Liebe“ m. E. nicht so gut gelungen. Denn der Hinweis auf „Überfrachtung“ moniert nur ein zu-viel an Erwartungen, und nicht diese selbst. Erwähne das Buch, um neben der Erinnerung an sehr bezeichnende Veränderungen in diesen fünf Jahrzehnten – es wurden Frauenhäuser, Wegweisungen, Annäherungsverbote, Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen ausgebaut, warum wohl –, auch den Unterschied zu neueren Darstellungen zu würdigen. Aus einem aktuellen Info „Femizide und Gewalt gegen Frauen in Österreich“:

In Österreich werden Frauen ermordet, weil sie Frauen sind. … Mittlerweile stehen wir an der traurigen Spitze in der EU bzgl. Frauenmorden, auffallend ist, dass wir in Österreich mehr Frauenmorde als Morde an Männer überhaupt haben. In beinahe allen Fällen der Femizide war der Täter der Partner oder Expartner. Gefährlich wurde es für die Frauen, wenn sie sich trennen wollten oder getrennt haben.“ (https://www.gewaltinfo.at/themen/gewalt-an-frauen/femizide-und-gewalt-gegen-frauen-in-oesterreich.html)

Das erst mal ein Versuch, über solche internationalen Vergleiche einen dringenden nationalen Handlungsbedarf anzumelden – weil ermordete Frauen erst in einer nationalen Bilanz Gewicht gewinnen?! In den Kommentaren und Forenbeiträgen zu solchen Meldungen melden sich dann bezeichnenderweise einige „Spaßvögel“ mit der Frage, ob nicht ein paar zusätzliche ermordete Männer wenigstens dieser Beschwerde das Material entziehen würden.

Davon abgesehen wird der plakative Generalgrund – „ermordet weil sie Frauen sind“ – vom Hinweis auf die „Partner oder Expartner“ einerseits zwar konterkariert; aber andererseits bekräftigt, indem der offenkundige Grund der Gewalt, nämlich „die Beziehung“ im weitesten Sinn, zur bloßen Häufigkeit herabgesetzt wird, die immerhin „in beinahe allen Fällen“ gegeben ist. So als wollte der Täter ursprünglich eine, irgendeine Frau umbringen, weil sie Frau ist – er sucht dann aber nicht mühsam auf der Straße, sondern er nimmt sich aus eher praktischen Gründen eine schon in der Nähe befindliche Frau vor?! Bleibt die krude Logik, Frauen würden ermordet, weil es Frauen – also Nicht-Männer sind! Wodurch so ein Mord als höchster Auswuchs der besagten Un-Gleicheit bestimmt ist, denn Männern passiert das nicht, zumindest nicht so häufig. Die Betrachtung durch die Mann-Frau-Brille und nach dem Schema Gleichheit / Ungleichheit schafft es, sich um die entscheidende Frage herumzudrücken: Warum „kippt“ ein ursprünglich aus freien Stücken eingegangenes Verhältnis ins Trostlose? Warum eskaliert die Angelegenheit in Mord und Totschlag, wenn sich die Frau verabschieden will? Da waren Benard / Schlaffer seinerzeit schon weiter, indem von „Erwartungen, Bedürfnissen und Enttäuschungen“ bezüglich Ehe und Familie die Rede war. Heute hingegen:

Seitdem die Medien den Begriff Femizid verstärkt verwenden ist eine gewisse Sensibilisierung in der medialen Berichterstattung spürbar. Dieser Begriff verhindert die Verharmlosung der Gewalt und stellt eindeutig klar, dass ein Mord an einer Frau kein ‘Beziehungsstreit’ oder eine ‘Bluttat’ oder eine Familientragödie ist, sondern ein schweres Gewaltverbrechen an einer Frau.“ (ebd.)

Die Gegenüberstellung ist absurd – was heißt denn hier „nicht, sondern“? Nicht Beziehungsstreit – sondern Gewaltverbrechen? Bezeichnungen wie Beziehungstat oder Familientragödie, das wären Verharmlosungen für den Mord an einer Frau, weil es sich um etwas ganz anderes, nämlich um ein „schweres Gewaltverbrechen“ handelt? Ein ideologisches Bedürfnis ist mit Händen zu greifen: Die Trennung der Tat von ihren Umständen, von Familie und Beziehung und von den zugehörigen Stufen der Eskalation, als da sind: Vom Ort des Glücks, über den Ort der unbezahlten Arbeit, zum Ort des Psychoterrors, Ort des Amoklaufs. Dieser Freispruch von Beziehung und Familie wirkt insofern besonders absurd, als gleichzeitig vom Feminismus insistiert wird, es handle sich gerade nicht um rein individuelle, durchdrehende „Einzelfälle“, sondern da seien „gesellschaftliche“ oder „strukturelle“ Gründe am Werk. Aber ausgerechnet die maßgebliche „Struktur“ – Familie – bleibt außen vor?

„ … Hauptursachen (für Femizid und Gewalt) liegen in unserer Gesellschaft und sind somit strukturell bedingt. Fehlende Gleichstellungspolitik: Wir sind in Österreich noch weit entfernt von einer tatsächlichen und echten Gleichstellung von Männern und Frauen.“ (ebd.)

Nochmal: Fehlende Gleich-Stellung als „Ursache“ heißt, Frau wird wegen ihrer Eigenschaft als eine Un-Gleich-Gestellte, als eine Variante von Nicht-Mann umgebracht, was auf die fehlende Angleichung durch fehlende Gleichstellungspolitik zurückzuführen ist, die auch schon in der Geldfrage zu besichtigen ist – weswegen ein Mord auch nicht mehr „verwundern“ kann?! Wenn und weil einem Mann in der Regel das nicht passiert, daraus soll folgen, dass eine Frau wegen ihrer Eigenschaft als nicht-männlich-gleichgestellte Person getötet wird? (Welche konkreten Gleich-Stellungen müsste denn die Politik vornehmen? Welches gleiche Recht fehlt der Frau?)

Frauenfeindlichkeit und Frauenerniedrigung findet tagtäglich statt … Das Patriarchat ist überall und zeigt sich vor allem auch in den sogenannten Toxischen Männlichkeiten, gekoppelt mit negativen Verhaltens- und Denkmustern von Männern, die Machtmissbrauch, Kontrolle und Besitzdenken als normale Männlichkeit sehen. Genderstereotypien und die traditionellen Rollenmuster führen oft auch dazu, dass Frauen Gewalt erleben müssen.“ (ebd.)

Das alles gibt es, und nicht zu knapp. Damit sollte wieder die Vorstellung, da seien eigentlich überholte Verhaltensweisen am Werk, ziemlich in Frage gestellt sein. Gerade die erwähnten Phänomene namens „Kontrolle und Besitzdenken“ sind doch als gar nicht sehr abseitige Varianten stinknormaler Beziehungs-Ideale kenntlich: Wenn die zwei beiden „füreinander da sind“ und füreinander da sein müssen, weil sie sich gebunden, weil sie sich verpflichtet haben, dann ist das anerkannte, das „normale“ Bedürfnis nach Exklusivität nicht von „Kontrolle und Besitzdenken“ zu unterscheiden. (Patriarchat steht hier für ein Subjekt, das für das Phänomen „Ungleichheit“ verantwortlich ist.)

Jenseits der (Un)Gleichheit

Was raten Sie Frauen? Diese Frage richtete Moderatorin Dunja Hayali … an den Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow. Sie sprach mit ihm zuvor über Gewalt gegen Frauen, die aktuelle Kriminalstatistik und männliche Tatverdächtige. Dirk Peglows Antwort auf Hayalis Abschlussfrage lautete: ‘Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, eben Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.’ Er erklärt auch, dass in Deutschland täglich mindestens zwei Frauen Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdelikts werden. Bei den Sexualdelikten sehe es nicht anders aus. Der fremde Täter, der hinter dem Busch wartet, wäre ein falsches Bild: Die Täter kommen aus dem sozialen Umfeld, ‘das ist ein ganz entscheidender Punkt’. Das ist nicht neu, und trotzdem wird es eher selten von Männern in hohen Positionen wie jener von Dirk Peglow öffentlich ausgesprochen. Diese Klarheit – und ja, auch in dieser Überspitzung – in einer reichweitenstarken Sendung ist wichtig. … Das Risiko für psychische, physische oder sexuelle Gewalt für Frauen liegt zu einem weitaus größeren Teil im sozialen Nahraum, insbesondere in oder nach Beziehungen, sagt der Kriminalbeamte. Das sind die Fakten … “ (https://www.derstandard.at/story/3000000318045/wenn-fakten-maenner-zur-weissglut-bringen)

Stimmt, das sind die Fakten; der gefährlichste Ort im Leben einer Frau ist die Wohnung, und der gefährlichste Moment ist die Trennung. Eigentlich müssten die BedenkenträgerInnen, die Bezeichnungen wie Beziehungstat und Familientragödie als Verharmlosungen missverstehen, dem Beamten mit einer gewissen Skepsis begegnen, wenn der sagt: „besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, eben Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden. Der Beamte erinnert daran, dass auch Frauen, die heutzutage nicht zur Ehe oder Beziehung gezwungen werden, aus ihren Flausen von Liebe und Grießschmarren heraus aktiv an der Herstellung der Situation beteiligt sind, in der sie im weiteren Verlauf nicht selten zum Opfer werden. Das wirft natürlich erst recht die Frage auf, warum sich die „ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe“ so eindeutig ausdifferenziert, so eindeutig ein von Männern ausgeübtes Handwerk ist. Nun, bin bislang auf Folgendes gekommen: Wenn es um die Bewältigung des Scheiterns des Lebensglücks und damit des ganzen Lebens durch das Scheitern von Liebe, Ehe und Familie geht, dann verteilen sich unterschiedliche Momente der Moral sehr unterschiedlich wie eindeutig auf die Geschlechter.

Der anständige und rechtschaffene, rechts-bewusste Mann ist der unerschütterlichen Überzeugung, die Familie „das Wichtigste“ ist im Leben. Dieses Arrangement und dadurch ein Recht auf Zufriedenheit in einem gelungenen Leben, das verdient er sich durch seine Leistungen für Frau und Kinder. Als wohl selbstverständliche Gegenleistung seiner Partnerin besteht er auf seinen wohlerworbenen Rechten – auf Zufriedenheit und Glück, im Rahmen seiner anerkannten und gesellschaftlich empfohlenen Wahnvorstellungen. Im Fall der Scheiterns wird er womöglich als „schwarzer Pädagoge“ erzieherisch tätig, denn nicht nur wer sein Kind liebt, züchtigt es und verleiht er seiner Enttäuschung darüber Ausdruck, dass ihm da jemand viel schuldig bleibt … Recht muss nun einmal Recht bleiben, und sie hat doch weiß der Teufel was genau, aber auf alle Fälle viel versprochen, nämlich „für ihn“ da zu sein, um ihn glücklich zu machen! Ein Standardsatz zum „Femizid“ – Die Täter stehen häufig in einem Beziehungs- oder Familienverhältnis zum Opfer und haben nicht gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen“ – negiert, dass der Täter gar keinen „Konflikt lösen“ will, sondern Rache für sein verpfuschtes Leben übt.

Die anständige und rechtschaffene, pflicht-bewusste Frau ergeht sich ergänzend lange in der Tugend der Toleranz, und braucht deswegen, wenn man den befassten Beratungs- und Hilfseinrichtungen glauben darf, einige Anläufe, bis sie es dann schafft, sich endgültig zu trennen. Sofern sie das mit Hilfe der vorhandenen Unterstützungs- und Beratungseinrichtungen halbwegs unbeschadet übersteht. Denn für sie ist die Familie ebenfalls „das Wichtigste“, das darf nicht scheitern, weswegen gegebenenfalls Opfer zu bringen sind. Die „strukturelle Gewalt“, die ihr eine Trennung so schwer macht, besteht in einer toxischen Mixtur: Erstens ist sie womöglich finanziell abhängig, sie kümmert sich ja um die Kinder und ist beim Gelderwerb behindert; zweitens ist sie durch die Kinder moralisch unter Druck – gemeint ist, sie weiß, wenn sie abhaut, dann geht es denen schlecht, es kümmert sich ja sonst niemand; drittens ist sie über die Kinder erst recht an den Typen gekettet, der hat schließlich auch Rechte, über die er sich zumindest unangenehm bemerkbar machen kann; und viertens steckt sie mitten im eigenen emotionalen Durcheinander mit dem Drang, sich ihre Zwangslage schöner zu reden. Da wird dann eine Anzeige wieder zurückgezogen oder vor Gericht die Aussage verweigert, was die beteiligten Beamten früher frustriert hat; inzwischen wissen auch die, das gehört nun dazu. Das bei anderen Übergriffen, Tätlichkeiten und Gemeinheiten übliche Bedürfnis, den Täter wenigstens im Nachhinein zu belangen, das ist bei der Gewalt im „sozialen Nahbereich“ eben nicht selbstverständlich.

*

Das Stereotyp, Frauenfeindlichkeit und Frauenerniedrigung seien „noch immer“ tiefsitzenden, eigentlich überholten Einstellungen zu verdanken, das speist sich in der Regel aus Vergleichen mit vergangenen Varianten weiblicher Drangsalierungen. Aber was, wenn diese vorgeblich überholten Verhaltensweisen möglicherweise sehr gut zu modernen Einrichtungen passen? Gestatte mir eine Erinnerung: Im Kommunistischen Manifest ist von der Bourgeoisie als der revolutionärsten Klasse die Rede, die die Welt je gesehen hat; weil sie alles umwirft, was ihr im Weg ist, darunter auch eigene Errungenschaften, wenn die nichts mehr taugen. Umgekehrt, umgekehrt – alles was Bestand hat, das passt dann auch in die bürgerliche Gesellschaft und hat deswegen Bestand; einschließlich unerwünschter Wirkungen, die einfach nicht verschwinden:

In Österreich führt eine Partei in den Umfragen, deren Wortführer in einer Videobotschaft ein Frauenbild zwischen Steinzeitkeule und Mutterkreuz skizzierte. Herbert Kickl ließ die Stützen des Patriarchats wissen: ‘Ihr managt den Haushalt, ihr besorgt die Einkäufe, ihr organisiert die täglichen Mahlzeiten, ihr übernehmt die Kinderbetreuung und Erziehung. Ihr lieben Frauen seid es, die den Männern zu Hause den Rücken freihalten.’ ‘Family first’ ist die Prämisse der Blauen, und diese Familie muss natürlich heterosexuell, weiß und möglichst kinderreich sein, um gegen den großen ‘Bevölkerungsaustausch’ präventiv eine Feuermauer zu errichten: ‘Für eine starke Zukunft unserer Heimat braucht es wieder mehr Mut zur Familie mit Kindern’, heißt es auf der Website der steirischen FPÖ, ‘Schluss mit dem Opfern traditioneller Werte auf dem Altar linker Gesellschaftsutopien’. … grausame Zeitreisen.“ (Hager, profil 10/26)

Das ist eine „Zeitreise“ in die Gegenwart, und die Einweisung der Frau in die Familie und damit in den ihr gebührenden Platz in der Gesellschaft ist unmissverständlich: Frauen gehen einkaufen(!), machen den Haushalt(!), kümmern sich um das Essen und die Kinder(!), damit der pater familiae den „Rücken frei hat“, für seine Glanztaten außerhalb. Frau verzichtet auf ein „eigenes Leben“ und ist für die „traditionellen Werte“ da, nämlich für Mann und Kinder. Dafür wird sie gelobt und bedankt, am Muttertag. (Ein österreichischer Olympiasieger ist durch ähnliche Ansprüche an seine persönliche Rückenfreihalterin bekannter geworden als durch seine sportlichen Leistungen.) In der Vision der FPÖ ist diese Kickl-Geschichte der Magd sogar durch Mutter Natur persönlich abgesichert, nämlich „biologisch determiniert“: Man übernimmt nicht eine Mutterrolle, sondern ist Mutter. Man übernimmt nicht eine Vaterrolle, sondern ist Vater.“ Eine Radikalisierung dieses Familien- und Frauenbildes besteht in der Anschauung, wonach Frau außerhalb nicht viel verloren hat, und einen „Shitstorm“ abkriegt, wenn sie in Politik und Öffentlichkeit aus der Rolle fällt.

P.S. Am 8. Mai hat in Linz ein Idiot der Familie seine Frau, seine Tochter und sich selbst erschossen, mit einer illegal besessenen Waffe. Nachher die üblichen Wortspenden; Betroffenheit, Hilfsangebote für Frauen; eine sticht heraus, da wird die Tat der Waffe angehängt, indem eine „massive Gefahr für die Sicherheit“ gegeben ist, wenn „ungeeignete Menschen Zugang zu Schusswaffen haben“, weswegen es darauf ankomme, „den Zugang zu Schusswaffen auf ein Minimum zu beschränken“. Nachdem die hiesige Kabarett-Szene ziemlich langweilig ist, wird man wohl auf einen alternativen Vorschlag warten müssen, vielleicht auf den Hinweis, dass offenbar ungeeignete Personen Zugang zu Familie haben, weswegen der Zugang zu Familie auf das Minimum zu beschränken wäre …

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