Trigger-Warnung: In diesem Kommentar geht es um sexualisierte Gewalt und den jüngsten Femizid in der Steiermark.
Erst vor knapp zwei Monaten wurde in der Steiermark eine 31-jährige Grazerin getötet. Sie wurde erwürgt, der mutmaßliche Täter ist ihr Ex-Freund. Nun ist erneut eine Frau tot: Die 34-jährige Johanna aus dem Bezirk Leibnitz wurde mutmaßlich ermordet, ein Beamter der Spezialeinheit Cobra hat die Tat gestanden.
Der Mord an Johanna G. wird derzeit sehr detailliert in den Medien wiedergegeben, aus Respekt vor der Betroffenen und den Angehörigen sowie Freund:innen wollen wir das nicht machen. Gleichzeitig ist es uns wichtig über die Behauptungen des Täters zu sprechen, denn Konsens zu Intimhandlungen lässt sich nicht im Nachhinein behaupten, wenn eine der beteiligten Personen tot ist. Johanna kann nicht mehr widersprechen, nicht mehr erklären, nicht mehr erzählen. Was bleibt, ist die Aussage des Täters – und eine gesellschaftliche Bereitschaft, solche Erklärungen allzu oft vorschnell zu übernehmen.
Dass der Täter ein Cobra-Beamter ist, verstärkt die Dimension dieses Falls. Es geht hier nicht nur um individuelle Schuld, sondern auch um Machtverhältnisse. Männer in Uniform verfügen über institutionelle Autorität, über Glaubwürdigkeit in der Mehrheitsgesellschaft, über Schutz und Privilegien, wenn sie selbst Gewalt gegen die Zivilgesellschaft anwenden. Frauen, die ihnen begegnen – sei es privat oder beruflich –, bewegen sich oft in einem strukturellen Ungleichgewicht. Dieses Machtgefälle muss benannt werden, wenn wir über Gewalt sprechen wollen.
Die Waffen des 30-jährigen Täters wurden vorsorglich sichergestellt. Dabei stellte sich heraus, dass er neben seinen legalen Waffen im Besitz von einer als gestohlenen gemeldete Waffe war. Diese Waffe wurde in der Polizeistation Halbenrain entwendet. Beim zweiten Gerät handelt es sich laut Angaben der Polizei um ein Trainingsgerät, eine sogenannte FX Übungswaffe, die aus Wr. Neustadt entwendet wurde. Gegen den 30-Jährigen wurde ein Waffenverbot verhängt und eine Untersuchungshaft wegen Verdacht des Mordes wurde von der Staatsanwaltschaft Mittwoch früh beantragt.
Der Beamte kam 2016 zur Polizei und ist seit 2021 Cobra Beamter gewesen, die Polizei, die in diesem Fall gegen sich selbst ermittelt sieht sich nicht als befangen, da die Cobra keine Teilorganisation der steirischen Polizei ist. Die vorhergehende fünfjährige Zusammenarbeit mit dem Beschuldigten, ist anscheinend kein Grund sich als befangen zu erklären. Laut Angaben der Medienstelle der steirischen Polizei gibt es in dem Bundesland rund 4500 Beamt:innen, von denen sich natürlich nicht alle untereinander kennen. Auf die Frage inwiefern der Corpsgeist hier eine Rolle spielt bekam ich die Antwort, dass es schon sein kann, dass es für die ermittelnden Beamten schwieriger sein könnte, wenn ein Kollege vor ihnen sitzt aber telefonisch wurde zugesichert, dass Befragungen und Ermittlungen von Kolleg:innen durchgeführt werden, die den Beschuldigten nicht kennen. Die Cobra selbst ist keine Teilorganisation der steirischen Polizei mehr und führt auch keine Ermittlungen durch.
Beide Fälle zeigen: Gewalt gegen Frauen und Femizide sind speziell in der Steiermark keine tragischen Einzelfälle, sondern Teil eines wiederkehrenden Musters. Sie passiert im Nahraum, im Kontext von Beziehungen, Dates oder früheren Partnerschaften. Deshalb müssen sie auch als das benannt werden was sie sind: nämlich Femizide und strukturelle Gewalt.
Solange Frauen in Österreich ermordet werden, weil Männer glauben, über ihre Körper verfügen zu dürfen, ist das kein individuelles Versagen. Es ist ein strukturelles Problem. Und eines, das endlich als solches behandelt werden muss.
Die Frauenhelpline erreicht ihr unter: 0800 222555
Die Nummer der steirischen Frauenhäuser lautet: 0800 202017
Männernotruf: 0800 246 247
Männerinfo-Krisenhotline: 0800 400 777




